Mit Morden zu Auflagen-Millionen

Allein mit seiner „Ostfriesenkrimi-Reihe“ hat Klaus-Peter Wolf die Zwei-Millionen-Auflagengrenze geknackt. Auch sein aktueller Band, „Ostfriesenschwur“, stieg gleich auf Platz eins der Bestsellerliste ein. Der derzeit erfolgreichste deutsche Krimiautor ist diese Woche zusammen mit seiner Frau, der Liedermacherin Bettina Göschl, auf Lesetour an saarländischen Schulen, macht aber am Mittwoch auch in der Stadtbücherei St. Ingbert und am Donnerstag in der Buchhandlung „Drachenwinkel“ in Dillingen Station.

Was sind die untrüglichsten Zeichen des Erfolgs? Ganz einfach: Wenn Nachäffer und Missgünstige zahlreicher werden. Klaus-Peter Wolf, Deutschlands Krimikönig, kennt beides zur Genüge: Verlage, die seine Bestsellerreihe, die "Ostfriesenkrimis", kaum kaschiert kopieren. Aber auch Stalker, die ihn im Internet mit Schmähungen überziehen. "Damit muss man wohl leben", bedauert der Vorzeige-Autor des Fischer-Verlags. Wenn's gar zu arg wird, versuche er dagegen vorzugehen.

Dass seine "Ostfriesenkrimis" jedoch, die die Zwei-Millionen-Auflagengrenze längst geknackt haben, von anderen schamlos plagiiert werden, amüsiert ihn nur. Mehr als ein halbes Dutzend Verlage haben plötzlich auch Friesland- oder Küstenthriller im Programm. Ein Kollege habe ihm "sogar mal gestanden", dass er ihn quasi nachmachen soll. "Gibt's eine bessere Bestätigung?", meint Wolf vergnügt. Kein Grund jedenfalls, sich davon die Laune trüben zu lassen. Dann beißt er lieber, wie eine seiner Figuren, der pensionierte Kriminaloberrat Ubbo Heide, in ein Stück Marzipan. Von Café ten Cate natürlich, dem ersten Haus am Platze im Nordseeküstenstädtchen Norden, Schauplatz nicht nur der Wolf-Thriller, auch "KaPe", wie ihn Freunde nennen, ist dort seit gut zehn Jahren daheim. Tür an Tür mit der Hauptperson seiner Bücher, der Kommissarin Ann Kathrin Klassen. Die hat er, "das macht das Schreiben leichter", kurzerhand ins - allerdings - fiktive Nachbarhaus einquartiert.

Figuren aus Fleisch und Blut

Überhaupt dichtet der Mann mit den roten Hosenträgern gern nach dem Motto: Das Leben erfindet die besten Charaktere. Etliche seiner Nebenfiguren sind so aus Fleisch und Blut. Reale Menschen, die er aber stets zuvor fragt, bevor sie im Roman auftauchen.

Die eigenwillige Ann Kathrin Klassen ermittelte bereits in zehn veröffentlichten und elf geschriebenen "Ostfrieslandkrimis". Denn Wolf, 1954 in Gelsenkirchen geboren, als im Pott noch die Schlote rauchten, plaudert zwar gern über seine kunterbunte Biografie, inklusive DKP-Mitgliedschaft, Post-Sponti-Protesten gegen Tiefflieger im Westerwald und anderen schillernden Lebensmäandern mehr. Beim Arbeiten aber hält er's mit den Preußen. Erscheint, jeweils im Frühjahr, sein neuer Band, liegt der nächste schon druckfertig vor. Und der Autor zettelt am Schreibtisch derweil die übernächsten Morde an.

In "Ostfriesenschwur", der wie seine beiden Vorgänger auf Platz eins der Bestsellerliste einstieg und sich schon über 320 000 Mal verkauft hat, bekommt der im Rollstuhl sitzende Ex-Polizeichef Ubbo Heide einen abgetrennten Kopf quasi als Präsent. Von der Post direkt in seine Ferienwohnung auf der Insel Wangerooge geliefert. Es ist das Haupt eines Verbrechers, den die Polizei nie belangen konnte. Nun "vollendet" einer, was der Staatsgewalt misslang. Und richtet - selbstgerecht.

Wolf zielt da sehr bewusst aufs Bauchgefühl vieler Menschen, die den Staat Verbrechern gegenüber allzu oft machtlos wähnen. Exemplarisch belegt "Ostfriesenschwur" auch, dass sich sein Schöpfer nie mit simpler Mörderhatz, der Frage, "wer hat‘s getan?", zufrieden gibt. Darauf würde der Routinier, der über 60 Drehbücher u.a. für "Tatort" und "Polizeiruf 110" verfasst hat, zwar nie verzichten. Aber Wolf, zu dessen literarischen Leitsternen Heinrich Böll zählt, will immer auch skizzieren, was Menschen umtreibt, sei es der Umgang mit pflegebedürftigen Älteren, sei es die Korruption, die Staat und Gesellschaft aushöhlt.

Letztlich tritt da auch ein notorischer Moralist mit dem Füller in der Hand gegen das Böse an. Und siegt zumindest in der Gunst seiner Leser, die sich mittlerweile europaweit finden. Bis zu 200 Lesungen jährlich absolviert er, nicht nur im deutschsprachigen Raum, auch im Baltikum war er auf Tour: "Da wurde ich wie ein Staatsgast hofiert." Und in Frankreich kommen seine Krimis nun auch heraus. Die Verfilmungen sollen ebenfalls bald unter Dach und Fach sein. Allerdings schreibt Wolf dafür keine Zeile mehr selbst, obwohl er als Drehbuchcoach immer noch andere Autoren die Spannung lehrt. "Ich habe zu oft am Bahnhof gestanden, den einen Fuß im Zug, den anderen auf dem Bahnsteig, und irgendeine Fernsehredaktion rief an und wollte, dass irgendwas noch ‚ganz dringend' geändert wird", sagt er.

Zur Muse Schiffe gucken

Diese Nerverei brauche er nicht mehr. Der Erfolg der "Ostfriesenkrimis" habe ihm Unabhängigkeit beschert. So nutzt er lieber die Zeit, um zusammen mit seiner Frau, der Kinderliedermacherin Bettina Göschl, auch noch Kinderbücher zu schreiben; die "Nordseedetektive" sind ebenfalls bereits Renner.

Hat er aber mal gar keine Lust zu dichten, dann schaut er in seinem Feriendomizil auf Wangerooge den dicken Schiffen zu, wenn sie in die Deutsche Bucht einlaufen. Genau wie Ubbo Heide, werden Fans seiner Krimis sagen. Stimmt. Bei Klaus-Peter Wolf kommen sich Dichtung und Wahrheit eben oft sehr nah.

Lesungen: 1. Juni, 19.30 Uhr, Stadtbücherei St. Ingbert, Tel. (0 68 94) 9 22 50. 2. Juni, 20 Uhr, Buchhandlung "Drachenwinkel", Dillingen, Tel. (0 68 31) 5 05 30 81.