Mit Fingerspitzengefühl geht's an ein Meisterwerk

Das großformatige Gemälde „Blaue Frauengruppe“ von Oskar Schlemmer werden viele Saarbrücker kennen, zählt es doch zu den bekanntesten Gemälden aus der Sammlung der Modernen Galerie. Zurzeit liegt es auf einem langen Tisch in der Restaurierungswerkstatt, wird mit einem großen, schwenkbaren Operations-Mikroskop begutachtet und ganz behutsam ausgebessert.

Die Gemälde der Modernen Galerie werden regelmäßig von drei Restauratorinnen kontrolliert und der Zustand protokolliert. Da die "Blaue Frauengruppe" im Herbst an die Staatsgalerie Stuttgart ausgeliehen wird, um dort einen Höhepunkt in der großen Oskar-Schlemmer-Retrospektive zu bilden, wird an dem Gemälde seit zwei Wochen gearbeitet.

"Bei der Kontrolle fiel auf, dass das Gemälde ganz kleine Ausbrüche und Risse hat, die man als Laie eigentlich gar nicht sehen kann", sagt Katharina Deimel, diplomierte Restauratorin für Gemälde und gefasste Holzobjekte und freiberuflich für die Moderne Galerie tätig. "Das ist materialtechnisch bedingt, denn Oskar Schlemmer hat gerne mit Farben und Grundierungen experimentiert." Die Grundierung ist im Laufe der Jahre instabil geworden, so dass der Farbauftrag ein ganz feines Craquelé (Netz von Rissen oder Sprüngen) zeigt. "In diesem Zustand kann man das Gemälde nicht verschicken, selbst in gefederten Klimakästen würde die Oberfläche brechen", sagt Deimel weiter.

Daher hat sie das Gemälde in der vergangenen Woche genau untersucht und fotografiert, um nun die Fehlstellen punktuell mit wenig Kleber, warmen Sandsäckchen und viel Fingerspitzengefühl wieder herzustellen. Sie schwärmt dabei von dem Gemälde. "Es stammt aus dem Jahr 1931 , ist seit 1957 in der Modernen Galerie. Und es wurde hier noch nie umfassend restauriert, sodass alles noch im Originalzustand ist. Das Problem mit der Grundierung der Schlemmer-Gemälde ist bekannt, denn gerade seine matten Oberflächen sind oft nachbearbeitet worden". Wegen des guten Zustandes des Gemäldes können nun auch neue Erkenntnisse über die Arbeit Schlemmers erworben werden. "Bei den Restaurierungen steigen wir nicht nur in das verwendete Material ein, sondern auch in die Geschichte der Gemälde", bestätigt Ingrid Schwarz, Diplom-Restauratorin für Papier und Fotografie. "Gerade die Gemälde von experimentierfreudigen Künstlern altern anders als klassische Gemälde in Ölfarbe. Daher kommen wir hier dem Künstler auf die Schliche", sagt sie lächelnd.

Feinste Teile des Farbauftrags sollen sogar in ein Münchner Speziallabor geschickt werden, um die Farbzusammensetzungen chemisch zu untersuchen. Diesen Kontakt hat Lisa Wagner hergestellt, promovierte Restauratorin für Gemälde und Skulpturen. "Die Restaurierung ist ja nur ein Teil der Arbeit, es muss ja auch alles koordiniert und organisiert werden, darum kümmere ich mich in diesem Fall", erklärt sie.