„Meine Heimat ist hier“

Sie hat bei Fußball-Weltmeisterschaften stets zwei Optionen: Spielt Italien schlecht, sattelt sie um auf Deutschland. Olivia Crispo hat jetzt einen deutschen Pass. Heimisch fühlt sie sich hier aber immer schon.

Seit wenigen Wochen ist Olivia Crispo (38) deutsche Staatsbürgerin: "Jetzt habe ich beide Pässe: den deutschen und italienischen." Dass sie sich erst mit 38 für die Einbürgerung entscheidet, obwohl sie in Saarbrücken geboren ist, liegt "schlichtweg daran, dass mich die Verwaltungsgebühren von 255 Euro abschreckten", beschreibt die freiberufliche Diplom-Übersetzerin. "Doch jetzt bin ich froh", sagt sie, "denn manchmal war es umständlich, nur den italienischen Pass zu haben. Ein Beispiel: Um in der Stadtbibliothek einen Leihausweis zu bekommen, musste ich eine aktuelle Meldebestätigung vorlegen."

Crispos Familie lebt bereits in der dritten Generation im Mandelbachtal. "Mein Opa ist vor vielen Jahren aus Kalabrien ausgewandert - meine Mutter war damals erst acht." Dem Großvater, beschreibt sie, war es wichtig, dass sich die Familie schnell integriert, seine Kinder gute Ausbildungen machen, damit es ihnen mal besser gehe: "Denn er kam nach Deutschland, weil Kalabrien arm war und die Leute nichts zu essen hatten."

Fremd in Deutschland fühlte sich Olivia Crispo nie, und das obwohl die Familie "im kleinen Erfweiler-Ehlingen die einzigen Ausländer waren. Auch in der Schule, auf dem Von-der-Leyen-Gymnasium in Blieskastel, war ich die Einzige mit Migrationshintergrund. Doch Fremdenhass habe ich nie erlebt. Es gab nicht mal Sticheleien. Nichts dergleichen." Die Sprache ihrer Familie spricht die 38-Jährige fließend: "Ich hab' Italienisch, neben Französisch, an der Saar-Uni studiert."

Einmal im Jahr, und daran hat sich in all der Zeit nie etwas geändert, besucht sie ihre Familie in "einem kleinen Kaff in Kalabrien". Auch der Zeitpunkt ist immer der gleiche: "Der 15. August, der Feiertag Mariä Himmelfahrt, wird in Italien groß gefeiert. Bei uns gibt's immer ein großes Familienfest, zu dem die in ganz Europa verstreute Familie anreist", sagt sie. Trotz der vielen Kilometer, die sie von der Familie in Kalabrien trennen, ist der "Zusammenhalt, die Verbundenheit groß. Familie ist Italienern wichtig".

Dann überlegt Crispo kurz: "Trotzdem ist Italien für mich nicht viel mehr als ein Urlaubsland. Heimat ist dort, wo man aufgewachsen ist, wo man die Schule besucht hat, wo man sein Leben lebt. Auch Freunde oder Kultur können das Gefühl von Heimat vermitteln. Meine Heimat ist hier."

Doch eine Sache, beschreibt sie, befeuere ihr "italienisches Herz": Bei Fußball-Welt- oder Europameisterschaften "bin ich erstmal für Italien. Läuft's bei denen nicht so rund, sattle ich auf Deutschland um", sagt sie lachend. Als Italien 1982 Deutschland im Finale schlug und den Weltmeistertitel holte, erinnert sie sich, "hat mir mein Mathelehrer die Hausaufgaben erlassen. Die Verlierer, meine deutschen Mitschüler", sagt sie augenzwinkernd, "mussten sie machen. Ich nicht." Ändert sich etwas mit dem deutschen Pass? "Ja, ich kann jetzt wählen."