"Mein Lied ist aktueller denn je"

Der Saartalk ist eine Gesprächsreihe von SR und SZ. In der letzten Sendung vor der Sommerpause (bis September) stellte sich die saarländische Sängerin Nicole und erste deutsche Gewinnerin des Grand Prix d'Eurovision de la Chanson (1982) den Fragen von SR-Chefredakteur Norbert Klein und SZ-Chefredakteur Peter Stefan Herbst. SZ-Redakteurin Esther Brenner hat das Gespräch in Auszügen dokumentiert.

Herbst : Beim Eurovision Song Contest in Wien Ende Mai hat Ann-Sophie keinen einzigen Punkt geholt. Haben Sie mit ihr mitgelitten?

Nicole: Null Punkte bekommt man nur, wenn man gar nichts kann (…). Das kann man hier ja nicht behaupten. Ich finde, sie hat ihre Sache gut gemacht.

Klein: Was ist beim Song Contest heute anders als früher beim Grand Prix abgesehen davon, dass mehr Länder teilnehmen?

Nicole: Die Show ist heute ein Riesen-Faktor, zu meiner Zeit hat man sich konzentriert auf das Liedgut und den Auftritt.

Herbst: Wie fanden Sie Ann-Sophies Titel "Black Smoke"?

Nicole: Ich fand es sehr gewagt, einen Titel "Schwarzer Rauch" zu nennen. Das hat einen negativen Touch (...). Außerdem stand das Ganze nicht unter einem guten Stern. Dass man als Zweitplatzierte in der Vorentscheidung zum Wettbewerb geschickt wird, heißt ja, dass man eigentlich vom Publikum nicht gewählt wurde. Ich fand es auch schade, dass der Sieger sagt, ich fahre nicht. Damit hat er einem anderen Künstler einen Startplatz weggenommen.

Klein: Ist das unfair gewesen von Andreas Kümmert?

Nicole: Wer weiß, was an diesem Abend in ihm vorgegangen ist. Aber das muss man sich vorher überlegen.

Herbst: Hatten Sie schon Selbstzweifel vor einem Auftritt?

Nicole: Auf dem Weg zur Bühne in Harrogate damals war ich ganz in mich gekehrt (…). Da hat mich Ralph Siegel gefragt, warum bis du so still? Ich sagte, ich habe Angst, dass ich gewinne (…). Mir war klar, dass das einen Riesen-Einschnitt in meinem Leben bedeuten würde. Als ich dann auf der Bühne stand, dachte ich: Du bist nicht so weit gegangen, um jetzt zu kneifen, jetzt gibst du alles.

Klein: Es gab erst zwei deutsche Gewinnerinnen des Song Contests - Sie und Lena Meyer-Landrut. Hatten Sie mal Kontakt zu ihr?

Nicole: Leider nicht. Als Lena gewann, habe ich einen offenen Brief geschrieben, aber nie eine Antwort bekommen.

Herbst: Warum einen offenen Brief?

Nicole: Weil jeder von mir eine Reaktion erwartet hat (…). Jedes Jahr musste ich mich zum Grand Prix äußern, es gab immer unzählige Interviewanfragen. Ich dachte: gut, jetzt sind wir zu zweit und können uns diese Anfragen teilen. Aber es hat sich nichts geändert (lacht).

Klein: Was macht den Zauber von "Ein bisschen Frieden" aus, dem Lied, mit dem sie den Grand Prix d'Eurovision de la Chanson 1982 gewonnen haben?

Nicole: Das Lied hat eine tiefe Botschaft, der Wunsch nach Frieden ist ungebrochen und aktueller denn je (...).Wenn ich dieses Lied anstimme, merke ich, dass es Menschen immer noch tief im Herzen berührt.

Herbst: Würden Sie sagen, es ist ein politisches Lied? Wo wird es besonders stark angenommen?

Nicole: Ich habe damals beim Grand Prix erstmals zwölf Punkte aus Israel bekommen - als deutsches Mädchen für ein Friedenslied. Wir kennen ja unsere Geschichte. Und ich bekam eine Einladung von der israelischen Regierung nach Tel Aviv, um "Ein bisschen Frieden" vor Soldaten in einer Kaserne zu singen (...). Ich fing an, auf Englisch zu singen und die Soldaten haben die Waffen niedergelegt, sich an der Hand gefasst und mir gelauscht (…). Dieses Bild ist ganz tief in mir drin, das war ein irrer Moment.

Herbst: Wie eng ist ihr Kontakt heute noch zu Ralph Siegel (dem Komponisten von "Ein bisschen Frieden")?

Nicole: Sehr eng (...) Ich bin die Patentochter seiner jüngsten Tochter (...). Als der ORF vor drei Wochen einen Beitrag über "Mister Grand Prix" zum 60. Geburtstag des Wettbewerbs gedreht hat, durfte ich als Gratulantin natürlich nicht fehlen. (...) Was dieser Mensch alles geleistet hat für die Eurovision, auch wenn viele ihn mittlerweile etwas belächeln, weil er es einfach nicht lassen kann, immer wieder mal anzutreten.

Herbst: Sie sind unter anderem auch Saarland-Botschafterin. Wie wichtig ist Ihnen dieses Amt?

Nicole: Ich versuche überall, Werbung fürs Saarland zu machen (...). Wir sind humorvoll, hilfsbereit, sehr gesellig, bodenständig und heimatverbunden.

"Neid musst du dir verdienen, Mitleid gibt es umsonst"


Zum Abschluss des Saartalks gilt es traditionell für die Gäste der Sendung eine Reihe von vorgegebenen Sätzen schnell und möglichst spontan zu ergänzen.

Herbst: Das Null-Punkte-Ergebnis für Ann-Sophie beim Eurovision Song Contest in Wien war…

Nicole: ...ungerecht.

Klein: Ich wünsche Ann-Sophie….

Nicole: …,dass sie weiterhin Spaß an der Musik hat.

Herbst: "Ein bisschen Frieden" bleibt für mich….

Nicole: …das Jahrhundertlied.

Klein: Ralph Siegel bedeutet mir....

Nicole:…sehr, sehr viel. Er ist für mich ein Ziehvater, dem ich sehr viel zu verdanken habe.

Herbst: Das Musikgeschäft in Deutschland ist…

Nicole: …hart geworden.

Klein: Mein persönliches Lebensmotto ist….

Nicole:…Neid muss man sich verdienen, das Mitleid kriegst du umsonst.

Herbst: Kirchen üben auf mich eine besondere Anziehung aus, weil…

Nicole:…ich Kirche als einen Ort der Zuflucht, des Trostes, und der Hoffnung empfinde.

Klein: Ich werde so lange singen…

Nicole:…wie ich Spaß an der Musik habe.