„Manche Kinder denken: Kühe sind lila“

Saarbrückens Grünamtschefin Carmen Dams ist eine Expertin für Gärten mitten in der Stadt. Über militantes Gärtnern und den Verlust von Wissen, wie die Natur funktioniert, sprach sie mit SZ-Redakteur Fabian Bosse.

Carmen Dams
Der Mitmachgarten der Gruppe „Essbare Stadt“ am Staden.

SZ: Landwirtschaft und Stadtleben: Schließen sich diese beiden Begriffe nicht von selbst aus?

Carmen Dams: Ja, normalerweise schon. Landwirtschaft ist ja normalerweise auf langfristige Erträge angelegt. Das heißt für den Menschen: die Natur beobachten, sehr konsequent sein und kontinuierlich den Boden bearbeiten. Spontaneität hilft da gar nicht weiter. Um in der Landwirtschaft einen Ertrag zu erzielen, muss man ganz anders arbeiten, als es Städter gewohnt sind. Das schnelle Hin-und-her-switchen zwischen unterschiedlichen Situationen, wie es die Menschen in der Stadt gewohnt sind, ist nicht die Art und Weise, wie in der Landwirtschaft gearbeitet wird.

Und was ist mit dem spontanen städtischen Gärtnern, dem Urban Gardening?

Carmen Dams: In Saarbrücken gibt so etwas wie "Guerilla Gardening". Im Nauwieser Viertel hatten wir ein paar Baumscheiben, die schön bepflanzt waren. Allerdings ist das nicht sehr konsequent gemacht worden. Wenn man die Natur nicht konsequent behandelt, nicht jeden Tag wässert, nicht jede Woche Unkraut zupft, dann vergeht das Grün. Pflanzen sind Lebewesen, die der Konkurrenz, dem Darwinismus, unterliegen. Sie haben entweder Ellbogen, oder sie sind Sensibelchen, die man vor Ellenbogen beschützen muss. In der Natur gilt das Recht des Stärkeren. Und Blumen sind oft die Sensibelchen, die, wenn der Mensch sie irgendwo einbringt, päppeln muss. Sonst wächst nur Unkraut, denn das hat Ellenbogen. Dieses Wissen haben Studenten, die das gemacht haben, nicht. Sie glauben, sie gehen in die Gärtnerei, kaufen sich was und setzen was ein. Nach ein paar Wochen wundern sie sich, dass die Pracht wieder weg ist.

Kann man auf Brachflächen und Industrieruinen, wie am Kieselhumes oder am Osthafen, einfach Gärten anlegen, bis eine neue Nutzung vorgesehen ist?

Carmen Dams: Wenn Ihnen die Flächen gehören oder Sie es schaffen, diese zu pachten, können Sie das tun. In Berlin haben ja zwei pfiffige Leute eine Brachfläche gepachtet (Anmerk. der Redaktion: Prinzessinnengarten) und haben ihren Kistengarten draufgesetzt. In Berlin ist natürlich der Nutzungsdruck wesentlich größer. Da war der Boden zudem kontaminiert, daher mussten sie die Lösung mit den Kisten finden. Man konnte ja nicht in den Boden pflanzen. Sonst hätte man die Schadstoffe in den Produkten gehabt. Das könnte in Saarbrücken auch passieren. Die Flächen müssten erst einmal saniert werden, damit sie neu genutzt werden könnten. Deshalb rate ich eigentlich davon ab, auf Industriebrachen zu gärtnern, weil man nicht weiß, was im Boden drin ist. Und man kann den Leuten nicht zumuten, dass sie unter Umständen Gift essen.

Warum bauen nicht mehr einkommensschwache Menschen Gemüse und Obst an?

Carmen Dams: Der eine Grund ist, dass Obst und Gemüse so billig sind. Solange man bei Aldi für 29 Cent den Salat kaufen kann, wird man sich den Buckel nicht dafür krumm machen. Ein anderer Grund ist das verloren gegangene Wissen. Es gibt Kinder in Städten, die glauben, dass Kühe lila sind. Sie wissen nicht, wie die Natur funktioniert. Dass man Samen in die Erde einbringen kann und dann was daraus erwächst.

In den Schulen lernen wir es leider auch nur noch selten. Die Lehrpläne sind vollgestopft mit allem Möglichen, aber Schulgärten gibt es an den wenigsten Schulen. Das hängt teilweise an den Lehrern. Wenn es interessierte Lehrer sind, dann legen die mit ihren Schülern im Biounterricht einen Schulgarten an. Und wenn der Fokus bei Lehrern fehlt, dann gibt es eben keinen Schulgarten.

Das Grünamt ist ja auch verantwortlich für die Schulhöfe. Ab und an gibt es mal eine Schule, die sagt "Wir wollen einen Schulgarten anlegen, könnt ihr uns helfen?" Dann machen wir das auch. Aber nach ein paar Jahren liegen die Flächen wieder brach, zum Beispiel weil die verantwortlichen Lehrer nicht mehr an der Schule sind. Dann ebnen wir ein und säen Rasen an.

Wo gärtnert die Grünamtschefin?

Carmen Dams: Ich habe meinen Garten in Altenkessel. Das macht großen Spaß. Ich habe zum Beispiel im letzten Jahr ganz viele Kartoffeln geerntet. Sorte Linda! Eine Sorte, die übrigens aussterben sollte, weil die Agrarindustrie ihr Patent darauf hatte. Ich habe sogar eine Artischocke geerntet. Ich habe Auberginen, Tomaten, Wirsing, Rotkohl, Rosenkohl, Karotten. Im Sommer muss ich kein Gemüse zukaufen. So lebe ich nach den Jahreszeiten. Im Frühling gibt es keine Erdbeeren und auch kein Kraut. Dafür gibt es Spinat und Salate. Und auch Tomaten gibt es erst, wenn die Zeit dafür reif ist. Ins Nauwieser Viertel hatten das Saarbrücker Bürgerforum, der Kultur- und Werkhof Nauwieser 19 und der BUND die Gärtnerin Eva-Marie Ratius eingeladen. Ratius sprach über die Nutzpflanzerei auf Balkonen und städtischen Brachen. Mehrere Besucher nutzten den Abend, um Unterstützung für ihre Gartenprojekte mitten in Saarbrücken zu finden. Im Gegensatz zum Schrebergarten, der in einem abgeschlossenen privaten Raum liegt, findet Urban Gardening mitten im öffentlichen Raum statt. Unter den Besuchern war auch die Gruppe "Essbare Stadt". Die hat am Staden auf knapp zwei Quadratmetern "wild" einen Mitmachgarten angelegt. Die Gruppe hat nach eigenen Angaben etwa 30 Mitstreiter. In den nächsten Wochen wolle man sich mit Vertretern von Kirchen und Stadt treffen, um Orte in der Stadt zu finden, auf denen Gemüse und Früchte angebaut werden könnten. Dem Enthusiasmus der Zuhörer setzte die Gartenexpertin Eva-Marie Ratius aber entgegen, dass ein Garten, egal ob in der Stadt oder auf dem Land, mehrere Faktoren voraussetze. So brauche er jahrelange Geduld, regelmäßig Zeit, geeignete Plätze, er koste Geld und besonders "regelmäßige Erntedankfeste". Die würden eine Gruppe, besonders nach Niederlagen, erst zusammenschweißen.

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