„Man muss Ängste ernst nehmen“

Vor einem Jahr entwickelte das Dekanat Saarbrücken ein Tanztheaterprojekt für Jugendliche zum Thema Krieg. Aufgeführt wurde es auch in Sarajevo. Jetzt begegneten einige Teilnehmer in Saarbrücken dem bosnischen Schriftsteller Dzevad Karahasan, den sie im Tanzstück zitiert hatten.

"Ich lasse niemals die Gelegenheit verstreichen, meinen katholischen Freunden zu ihrem Feiertag zu gratulieren", sagt Dzevad Karahasan. Für den bosnischen Schriftsteller muslimischen Glaubens sollte religiöse Vielfalt nicht nur als friedliches Nebeneinander, sondern als Miteinander gelebt werden und auch aus Anteilnahme am religiösen Alltag des anderen bestehen. Sarajevo, die Stadt, die Karahasan seit seinem Studium zur Heimat wurde, ist für ihn insofern einzigartig. Keine andere bemühe sich so sehr wie sie, Orient und Europa zu vereinen, erklärt Karahasan.

Auch heute sei das wieder der Fall, bekräftigt der Autor, der vor der Belagerung Sarajevos im Jugoslawienkrieg nach Österreich und Deutschland flüchtete und heute teils in Graz, teils in Sarajevo lebt. Am Dienstag las er in der Reihe Böll&Hofstätter in der Buchhandlung St. Johann aus seinem Roman "Sara und Serafina". Am Montag traf er sich dort auf Einladung des Dekanats Saarbrücken zu einem Gespräch mit Jugendlichen, was ihm ein ganz besonderes Anliegen war. Denn einige der Jugendlichen hatten im Vorjahr an einem internationalen Tanztheaterprojekt des Dekanats Saarbrücken mitgewirkt, das in Sarajevo aufgeführt wurde. Das Tanztheater zum Thema Krieg und wie man ihn überwindet, benutzte auch einen Text von Karahasan über dessen Freundschaft zu einem Franziskaner-Pater. Karahasan, der die Aufführung damals verpasst hatte, ließ sich jetzt das Video dazu zeigen und war voll des Lobs. Der Autor machte deutlich, wie wichtig er es findet, als Muslim Katholiken, orthodoxe Christen, Juden, Agnostiker zu kennen und zu verstehen. Kulturelle/religiöse Identität sei nämlich nichts Festgefügtes, sie entstehe vielmehr erst durch die Verbindung und Konfrontation mit anderen und in einem fortwährenden Prozess, so Karahasan. Deshalb gebe es auch keinen Grund, Angst zu haben, die deutsche Kultur könne durch fünf Millionen Fremde in Frage gestellt werden, sagt Karahasan. Aber man müsse die Ängste , die durch Unwissenheit entstünden, ernst nehmen und mit den Besorgten, also auch den Pegida-Leuten, reden, um sie aufzuklären, empfiehlt er den Jugendlichen. "Denn die beste Art, die Angst zu vergrößern, ist, sich von ihnen abzugrenzen, sie auszugrenzen."