Lesestunde mit Lampenfieber

Beim Vorlesewettbewerb in der Stadtbibliothek ließen Katrin Gilles und Paula Kinzinger die Konkurrenz hinter sich. Die beiden Saarbrücker Sechstklässlerinnen dürfen nun von der Landesmeisterschaft träumen – und von mehr.

Frederik Hoff (13) wird jetzt doch nervös. Gerade hat er gesehen, dass er gleich allein auf einem Stuhl vor seinem Publikum sitzen wird. Frederik steht vor dem Literaturcafé der Stadtbibliothek. "In der Schule durften wir immer auf unserem Platz sitzen bleiben", sagt der Waldorfschüler . Doch es hilft nichts. Wer beim 57. Vorlesewettbewerb des Deutschen Buchhandels mitmacht, muss sich spätestens beim Stadtentscheid vors Publikum setzen.

Und zwar an einen Marmortisch am Kopfende des Raumes. Er steht auf einem grell-orangefarbenen Faserteppich neben der langen Bank der Jury. Den Vorleser umgibt ein Halbkreis aus Stühlen. Darauf sitzen die neugierigen Zuhörer und die Teilnehmer, die nervös darauf warten bis sie an der Reihe sind.

Dazu kommen Eltern, moralisch unterstützende Freunde und auch die Lehrer , die Zeuge werden wollen, wie ihr Deutschunterricht nun hoffentlich Früchte trägt. "Ich bin, glaub' ich, nervöser als er. Ich muss aufpassen, dass ich ihn nicht noch nervöser mache, als er ist", sagt Anke Kirsch-Hoff, Frederiks Mutter, über ihren Gefühlszustand. Und sogar in der Jury wirkt ein Mitglied aufgeregt. Es ist der Vorjahressieger beim Stadtentscheid, der 13-jährige Matti Weis. "Es ist schon komisch, hier zu sitzen und zu beurteilen, wenn man letztes Jahr noch selbst beurteilt wurde", sagt der Siebtklässler. Er und Fachleute, die beruflich mit Literatur und Lesen zu tun haben, bewerten nun Sechstklässler aus der Stadt Saarbrücken nach ihren Vorlesekünsten.

In zwei Runden müssen die Schüler heute beweisen, was sie können. In der ersten Runde dürfen sie in etwa drei Minuten aus einem selbst gewählten, zuhause vorbereiteten Buch vorlesen. In Runde zwei müssen sie jedoch aus einem ihnen bisher unbekannten Buch vortragen. Jury und Zuschauer hören spannende Geschichten von Drachen, Hobbits , Helden und Heldinnen. Wer hier antritt, hat bereits bewiesen, dass er gut vorlesen kann. Nur die Besten ihrer Schulen sind hier.

Deshalb ist dies nicht nur ein Wettbewerb der Schüler, sondern auch die Lehrer fiebern mit. Sabine Schlegel zum Beispiel, Deutschlehrerin am Willi-Graf-Gymnasium, ist stolz auf ihren Schützling Sarah Kiebler, die sich so souverän gegen die Mitbewerber von ihrer eigenen Schule durchgesetzt hat. Als die Jury zurückkehrt, sollen alle Teilnehmer des Wettbewerbes nach vorn kommen. Jeder erhält jetzt eine Urkunde und ein Buchgeschenk.

Da es jedoch ein Wettbewerb ist und nur die beiden Besten beim Landsentscheid am 18. Mai in Saarbrücken antreten, gibt es auch zwei Gewinnerinnen. Katrin Gilles kommt vom Gymnasium am Rotenbühl, Paula Kinzinger vom Ludwigsgymnasium. Die beiden dürfen weiter vom Bundesentscheid träumen. Doch die elf daneben wirken nicht traurig. Die 12-jährige Sarah Kiebler zum Beispiel. Für sie steht schon vor dem Wettbewerb fest: "Ich muss nicht gewinnen. Ich will, aber ich muss nicht."