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Leiterin verteidigt Frauenbibliothek

Saarbrücken. Kann und soll sich eine überschuldete Landeshauptstadt eine eigene Frauenbibliothek leisten? Die Frage warf der saarländische Innenminister Klaus Bouillon vergangene Woche vorm CDU-Wirtschaftsrat auf. Dabei zahlt die Stadt im Jahr nur rund 35 500 Euro pro Jahr zum Unterhalt der Bibliothek. Silvia Buss

Bei seinen heftigen Attacken gegen die politische Führung der Landeshauptstadt nahm Innenminister Klaus Bouillon auch die Frauengenderbibliothek Saar (FGBS) ins Visier. Der CDU-Mann hält sie für unnötig und für einen Beweis für die mangelnde Bereitschaft der Stadt, ihre Ausgaben zu senken. Bei Annette Keinhorst rufen diese Vorwürfe Kopfschütteln hervor. "Ich wundere mich über die Ahnungslosigkeit des Ministers, der eine seit 25 Jahren bestehende Einrichtung einfach mal so vom Tisch wischt", sagt die Mitbegründerin und Leiterin der FGBS zu Bouillons Ansinnen.

Offenbar scheint der Minister gar nicht zu wissen, wie die Einrichtung finanziert wird, schließt Keinhorst aus seiner Argumentation. Die Stadt trage jährlich rund 28 000 Euro Mietkosten und 7500 Euro Sachkosten. Ein privater Förderverein steuere weitere 10 000 Euro bei. Das Land gebe den größten Teil, nämlich 75 000 Euro für die drei halben Personalstellen der FGBS.

"Der Sparertrag für die Stadt wäre also denkbar gering", sagt Keinhorst. Aber auch das Land könne nicht einfach beschließen, die Bibliothek abzuschaffen. Dagegen spricht, so Keinhorst, "dass es doch einen Koalitionsvertrag zwischen SPD und CDU gibt, der die Bedeutung der Frauenbibliothek hervorhebt und sich zu deren Erhalt verpflichtet".

Warum soll gerade die Frauengenderbibliothek unnötig sein? fragt sie sich. "Wir sind ein wichtiger Teil der frauenpolitischen Infrastruktur im Land, genauso wie der Notruf, Nele, der Frauenrat, die Frauenbüros, also alle, die sich mit Gleichberechtigung befassen", hält Keinhorst dagegen. Und solange Gewalt gegen Frauen ein zentrales Problem sei, Frauen sich aus Armut prostituieren müssen, schlechtere Löhne als Männer erhalten, kaum in Führungspositionen vertreten seien, betont sie, "solange sind auch Frauenbibliotheken nötig, die ja mit Information und Argumentation gegen diese populistische Ahnungslosigkeit agieren".

Neben Belletristik von Frauen und Sachbüchern sammelt und bietet die Einrichtung in der Großherzog-Friedrich-Straße auch Literatur zur Frauenforschung zur Ausleihe an.

Das ist aber nur eines ihrer vielen Tätigkeitsfelder. Ein weiteres ist die Bildungsarbeit. "Wir veranstalten regelmäßig Lesungen, Schreibworkshops und Vorträge zu Themen wie Gesundheit, Finanzen, wir greifen auch heiße Eisen wie Prostitution auf", erklärt Keinhorst. Regelmäßig träfen sich in den Räumen der FGBS auch viele frauenpolitische Verbände, Vereine und Initiativen, die sich hier vernetzen können.

"Ganz wichtig ist uns das Thema Migration", sagt Keinhorst. So hat die Frauenbibliothek zusammen mit dem Frauenbüro und dem Zuwanderungsbüro (ZIB) das "Mentorinnen-Netzwerk - MiNet Saar" aufgebaut, das Migrantinnen bei der beruflichen und gesellschaftlichen Integration persönliche Mentorinnen zur Seite stellt. Auf das "regionalgeschichtliche Archiv" der FGBS gehe wiederum zurück, dass Saarbrücker Straßen nach bedeutenden Frauen benannt und Stadtrundgänge zur Frauengeschichte stattfinden können, erläutert Keinhorst.

Die Nutzerinnen der Bibliothek kämen aus dem ganzen Saarland und allen Alters-und Berufsgruppen, darunter auch Medienleute und Uni-Professoren. Auch Männer nutzen das Angebot. "Wir finden das gut", bekräftigt die Bibliotheksleiterin und fügt hinzu: "Auch der Minister ist jederzeit willkommen, um sich einmal persönlich ein Bild davon zu machen, was die Frauengenderbibliothek alles leistet."



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HintergrundDie ersten Frauenbibliotheken und -archive gründeten Frauenrechtskämpferinnen und ihre Vereine Ende des 19. Jahrhunderts. Die meisten wurden in der NS-Zeit zerschlagen. Im Zuge der Neuen Frauenbewegung und der Frauenforschung entstanden erneut Frauenbibliotheken, -archive und -dokumentationszentren, von denen sich einige auf bestimmte Themen wie Forschung, Musik, Kunst oder Lesben spezialisierten. Nicht alle konnten sich bis heute finanziell über Wasser halten. Laut Webseite des Dachverbands i.d.a. gibt es heute in Deutschland um die 30 solcher Einrichtungen verschiedenster Größe. Die zum Saarland nächstgelegenen Frauenbibliotheken befinden sich in Mainz und Luxemburg.Mit dem Projekt Meta fördert der Bund die Erschließung der Bestände der Frauenbibliotheken in einer Literaturdatenbank, um so das Gedächtnis der Frauenbewegung zu bewahren und zugänglich zu machen. sbu