Lasst uns über Weihnachten und Gespenster reden

Der Untergang des christlichen Abendlandes findet im Spätsommer statt - seit Jahren. Dann höre ich Leute - je nach deren Temperament - grummeln oder schimpfen: "Im Supermarkt steht schon der Spekulatius.

Lebkuchen und Stollen gibt es auch schon." Und ich frage dann vorsichtig: "In welchem Supermarkt?" Ich muss nämlich dann dorthin - Spekulatius kaufen und Lebkuchen und Stollen.

Wenn es um das Zeug geht, halte ich mich an keinen Festtagskalender. Zu meiner Verteidigung möchte ich sagen: In meiner Familie - zumindest in dem Teil, in den ich eingeheiratet habe - wird von Januar bis Dezember über Weihnachten gesprochen. Darüber, wo und wie wir das nächste Christfest feiern, was wir am Heiligabend essen, wie das mit der Mette ist - und am 24. Dezember ist dann doch eigentlich alles wie immer. Und wenn es darum geht, besonders nett zu wildfremden Menschen zu sein, oder wenn jemand Wildfremdes nett zu ihr ist, dann nennt meine Schwiegermutter das das ganze Jahr über "weihnachtlich eingestellt".

Ich hoffe also, dass auch diejenigen unter den Leserinnen und Lesern dieser Kolumne, die Pickel, die Krise oder beides kriegen, wenn sie im Spätsommer weihnachtliches Backwerk entdecken, in diesem Sinne weihnachtlich eingestellt sind und mich nicht als furchtbaren Menschen verdammen.

Wobei: Zumindest ein sehr furchtbarer Mensch gehört für mich zu Weihnachten: Ebenezer Scrooge. Das ist der widerliche Londoner Geizkragen, den sich Charles Dickens 1843 für seine weihnachtliche Gespenstergeschichte ausgedacht hat.

Die Geschichte beginnt damit, dass diesem Ebenezer Scrooge sein nicht minder geiziger und widerlicher Geschäftspartner Marley begegnet. Was für den nicht weihnachtlich eingestellten Scrooge beunruhigend ist, weil dieser Marley schon seit Jahren "tot wie ein Türnagel" ist. "Was an so einem Türnagel besonders tot sein soll", kann sich Dickens, wie er schreibt, zwar auch nicht erklären. Aber er erzählt eine wundervolle Geschichte von Weihnachten und dem Guten im Menschen.

Dass diese Geschichte von der Wandlung eines bösen Mannes seit gut 170 Jahren nichts von ihrer Aktualität verloren hat, wäre Grund genug sie an dieser Stelle zu erwähnen. Es kommt aber noch besser: Das Saarländische Staatstheater spielt die Geschichte ab Anfang November.

Und der Zeichner Flix hat den "Weihnachtsabend " von Charles Dickens wundervoll bebildert. Flix, der im normalen Leben Felix Görmann heißt, hat mit einem Comic seine Diplomarbeit an der Hochschule der bildenden Künste bei uns in Saarbrücken gemacht und zeichnet ab und zu für unsere Zeitung.
Seit ein paar Tagen ist das Buch im Handel. Und ja, ich gebe zu: Ich habe das Weihnachtsbuch bereits gelesen, mich an den Bildern erfreut und Spekulatius dazu gegessen. Ich hoffe, ich muss deshalb nicht irgendwann wie der tote Marley als Weihnachtsgespenst umherirren und Menschen auf den richtigen Weg zurückbringen.

Charles Dickens "Der Weihnachtsabend ", neu übersetzt von Eike Schönfeld , mit farbigen Illustrationen von Flix, Insel-Bücherei, gebunden, 147 Seiten, ISBN 978-3-458-20010-9.
Eine Weihnachtsgeschichte von Charles Dickens in einer Fassung von Rüdiger Pape für Menschen ab sechs Jahre, Premiere am 9. November, 17 Uhr, im Staatstheater. Bis zum 28. Dezember gibt es 32 weitere Aufführungen. Karten und Informationen an der Theaterkasse, Schillerplatz 2, Tel. (06.81) 3.09.24.86, E-Mail kasse@theater-saarbruecken.de