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Kunstsprechstunde: Wo jeder Fleck eine Geschichte erzählen kann

Kunstsprechstunde: Wo jeder Fleck eine Geschichte erzählen kann

Einmal im Monat bietet das Saarlandmuseum eine kostenlose Kunstsprechstunde. Fachleute des Museums begutachten Kunst aus Privatbesitz – allerdings ohne Wert-Schätzung.

Der Kunsthistoriker Ernest Uthemann und die Restauratorin Lisa Wagner beugen sich über ein Gemälde, untersuchen die Signatur und flüstern. Könnte das Bild etwa von einem bekannten Maler stammen? Diese Frage stellt sich Helmut Reichert, der Besitzer des Gemäldes, schon länger. "Ich habe einen Bekannten, der hat sein Bild zu einer Fernsehsendung gebracht, und es ist richtig wertvoll. Und nun habe ich Mut gefasst und lasse meine Bilder auch untersuchen", erzählt er. Jeden ersten Dienstag im Monat bietet das Saarlandmuseum eine Kunstsprechstunde an. Dann werden Kunstwerke aus Privatbesitz kostenlos von Fachleuten untersucht und beurteilt.

Selbst jetzt, bei schmuddeligem, kaltem Januar-Wetter, ist die Kunstsprechstunde gut besucht. Das Gemälde von Helmut Reichert wird von dem Expertenteam des Saarlandmuseums, bestehend aus mehreren Kunsthistorikern und Restauratorinnen, genau betrachtet, gedreht, begutachtet. Denn jeder Aufkleber, Fleck oder Buchstabe könnte etwas über den Ursprung des Gemäldes erzählen. Nach einigen Minuten erklärt Ernest Uthemann, Fachmann für Malerei des 20. Jahrhunderts in der Modernen Galerie, dass es sich bei der südlichen Landschaft mit Pinien um ein Werk des späten 19. Jahrhunderts handelt. Das feine Baumwollgewebe als Bildträger sei zu dieser Zeit aufgekommen. "Es ist auch keine topographisch genaue Ansicht, sondert wohl eher eine Ideallandschaft. Die Architektur im Hintergrund verweist auf die Engelsburg in Rom", sagt er weiter. Aber im Gegensatz zu den verschiedenen Fernsehsendungen, in denen ebenfalls private Kunstwerke von Fachleuten begutachtet werden, wird in der Kunstsprechstunde des Saarlandmuseums kein Wert genannt. Und auch die meist unleserlichen Signaturen müssen intern genauer recherchiert werden. Daher wird die Signatur mehrfach fotografiert, und die Kontaktdaten des Besitzers werden aufgenommen. "Wenn wir noch mehr erfahren über das Gemälde, dann setzen wir uns mit dem Besitzer in Verbindung und geben das weiter", sagt die Restauratorin Lisa Wagner. Sie hat entdeckt, dass man das Krakelee des Gemäldes auf der Rückseite durchsehen kann. Auch das ist wichtig, sagt es doch aus, dass die Leinwand noch im Originalzustand ist. Helmut Reichert ist erst mal zufrieden. Nun weiß er, dass sein Gemälde, das er vor Jahren in einem Güdinger Antiquitätengeschäft erstanden hat, zumindest den damaligen Kaufpreis rechtfertigt, auch wenn es wohl von keinem namhaften Künstler stammt. Das Expertenteam widmet sich inzwischen den spannenden Schätzen der übrigen Besucher, darunter eine Landschaftsdarstellung mit Gebirge und eine expressionistische Grafik.

Die nächste Kunstsprechstunde findet am Dienstag, 3. Februar, 16 Uhr, im Vortragssaal der Modernen Galerie, Bismarckstraße 11-15, statt. Eine Voranmeldung ist nicht erforderlich.