„Krass, jetzt spielst du die Julia“

Wie nähert man sich einer Figur wie Julia Capulet? Vanessa Czapla hat es kalt erwischt, dass sie Shakespeares berühmte Liebende spielen soll. Aber sie stürzte sich Hals über Kopf in die Rolle. Morgen ist Premiere am Staatstheater.

 So sieht Julia aus. Vanessa Czapla spielt Shakespeares unsterbliche Liebende im Staatstheater. Foto: Anton Säckl
So sieht Julia aus. Vanessa Czapla spielt Shakespeares unsterbliche Liebende im Staatstheater. Foto: Anton Säckl Foto: Anton Säckl

"Ich bin in meiner Kindheit sehr viel umgezogen, und ich hab das auch immer sehr gemocht". Vanessa Czapla fährt mit einer Hand durch ihre dunkelbraunen Wuschelhaare und lächelt. 28 Jahre ist sie jung, in Braunschweig geboren und in ihrer "prägendsten Zeit" in Thüringen aufgewachsen. "Da hat auch so der Gedanke Früchte getragen, dass ich gerne ans Theater gehen will", erzählt die Schauspielerin im SZ-Gespräch.

Eigentlich hatte sie nach ihrem Abitur am Friedrich-Schiller-Gymnasium Musik studieren wollen, Schlagzeug. Doch nach einem "prägnanten Erlebnis auf der Bühne", wie sie selbst sagt, hat sie das Musikstudieren "ad acta gelegt" und sich an verschiedenen Schauspielschulen beworben.

"In Hamburg hat es dann geklappt, das war total super!" Und wieder stand ein Umzug an, diesmal "vom Osten Deutschlands wieder in den Norden", wo Czapla am Hamburger Schauspielstudio Frese ihre Ausbildung zur Schauspielerin absolvierte.

"Ich hab mich noch nie geschämt auf der Bühne, ich war da immer relativ vertraut, anfangs bin ich noch ziemlich naiv da rumgetapst, aber mit einem totalen Selbstverständnis", kann Czapla inzwischen rückblickend auf ihre erste Bühnenerfahrung sagen.

Reflektiert und mit einer unglaublichen Menge an Begeisterung erzählt Czapla von den unterschiedlichen Stationen ihres Werdegangs. Die Zeit in Thüringen war, neben ihrem ersten Festengagement am Deutschen Theater Göttingen, für sie mit die wichtigste, denn: "Dass ich dort gewohnt habe, hat meine Persönlichkeit total geformt. Ich konnte zu mir selbst kommen. Und das empfinde ich als das größte Geschenk, dass ich meinen Traum leben konnte".

Vanessa Czapla lebt ihren Traum inzwischen am Saarländischen Staatstheater weiter. Zu sehen war sie seit Beginn der Spielzeit 2015/16 bereits in "Das Leben des Galilei" als Andrea Sarti, im Weihnachtsmärchen "Drei Haselnüsse für Aschenbrödel" als Gutsherrin und in "Eine Familie" als Johnna Monevata.

Ab dem morgigen Freitag steht sie in einer völlig anderen Rolle auf der Bühne des SST: als Julia in Shakespeares "Romeo und Julia".

"Meine Rollen hier waren alle super unterschiedlich, genau das macht mir in dem Beruf auch so viel Spaß", sagt Czapla. "Es ist toll, dass man mir zutraut, so unterschiedliche Rollen zu erarbeiten."

Trotzdem war sie selbst überrascht, als sie von ihrer Besetzung als Julia erfahren hat. "Ich hab damit ehrlich gesagt null gerechnet. Ich dachte so, okay, krass, du spielst jetzt die Julia. Ich stand erst mal vor einem fremden Menschen mit dieser Figur." Ein Kennenlernen war notwendig, die Charakterzüge dieser jungen Frau einerseits, ihre Denkweise, ihre Gedankenwelt andererseits. "Man muss den Text echt durchkauen und sich jeden Gedanken klarmachen: Warum sage ich was. Was für eine Haltung habe ich dazu, an wen sende ich meine Worte?"

Neugierig hat sich Vanessa Czapla langsam aber stetig an Julia herangetastet, hat sich "das zu Eigen gemacht, was diese junge Frau durchläuft." Und dabei voller Erstaunen festgestellt, dass Julia und sie mehr gemeinsam haben, als anfangs gedacht. "Zum Beispiel ihre Sprunghaftigkeit, die konnte ich auf jeden Fall bei mir wiederfinden, das ist ein Charakterzug, den ich auch habe."

Das aus der Rolle herauskitzeln, was unter der Oberfläche dieser Julia Capulet schlummert, hat Czapla sich selbst zur Aufgabe gemacht. "Julia ist eine junge Frau, die eine tolle Entwicklung machen darf. Und ich bin dabei und stehe vor ihr und denke: danke, für diese tollen Worte, die ich sagen darf und danke für diese Vielfalt an Emotionen."

Czaplas Romeo ist übrigens Staatstheater-Kollege Robert Prinzler: "Ich hab mich wahnsinnig gefreut, als ich gehört habe, dass Robert den Romeo spielt. Wir können beide an dieser Arbeit wachsen, und deshalb ist das einfach total super".