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Kleine Helden groß in Szene gesetzt

Saarbrücken. Bärbel Oftring ist Biologin mit den Schwerpunkten Zoologie, Paläontologie und Botanik. Sie leitet Naturforscher-Arbeitsgemeinschaften an Schulen. Außerdem hat sie über 70 Sachbuch-Titel veröffentlicht. SZ-Redakteurin Susanne Brenner hat Oftring vor deren Impulsateliers zur Europäischen Kinder- und Jugendbuchmesse in Saarbrücken befragt. Von SZ-Mitarbeiterin Nicole Baronsky-Ottmann

Das kleine Käuzchen sitzt allein auf dem Waldboden. Sein Daunenkleid ist noch ganz plüschig, die Augen sind riesengroß, und der Blick ist ängstlich. Einige Zeichnungen weiter ist es zur großen, stolzen Eule geworden, die elegant am Himmel schwebt. Zu sehen sind die Zeichnungen der Eule in der Ausstellung "ganz schön mutig" in der K4 Galerie in Saarbrücken. Dort werden bis Ende des Monats originale Zeichnungen mutiger, meist kleiner Protagonisten gezeigt, als Rahmenprogramm zur 13. Internationalen Kinder- und Jugendbuchmesse mit dem Schwerpunkt Abenteuer.

Es sind nicht nur die Zeichnungen von Daniela Chudzinski und der kleinen Eule aus dem Buch "Allein im Wald", die gefangen nehmen. Elf internationale Buchillustratoren präsentieren ihre Arbeiten, die originalen Blätter hängen an den Wänden, die Bücher liegen daneben auf Tischen. So können Besucher Original und Buchdruck unmittelbar miteinander vergleichen und feststellen, dass dort, wo auf den Zeichnungen große, leere Flächen sind, im Buch der Text eingedruckt wurde. Wenn die Formate der Zeichnungen extrem längsrechteckig sind, dann erstreckt sich eine Zeichnung im Buch über zwei Seiten.

Der Charme der Originale liegt aber auch darin, dass sich Pinselschwung und Zeichenstrich nachvollziehen lassen. Besonders auffällig ist dies bei den Illustrationen von Lev Kaplan "In 80 Tagen um die Welt". Er illustriert den Abenteuerklassiker in herrlich nostalgisch anmutenden Bildern. Häufig verwebt er zwei Szenen in einem Bild, seine Protagonisten sind in der Mode des 19. Jahrhunderts gekleidet.

Ähnlich sorgfältig und detailliert sind die Zeichnungen von Levi Pinfold in "Der schwarze Hund". Auch hier sind die Szenen komplett ausgemalt, die Figuren, selbst der große schwarze Hund, werden liebevoll wiedergegeben. Ganz anders ist dies in den Druckvorlagen von Stefanie Harjes zu "Eine Blattlaus wandert aus". Ihre Arbeiten sind bunte Collagen, die aus zeichnerischen Elementen bestehen, verwoben mit Kritzeleien, die von Kinderhand stammen könnten und farblich reduziert auf viel Rot und Rosa.

Ein Höhepunkt der Ausstellung sind bestimmt auch Sue Scullards Illustrationen zu "Miss Harriets Ballonfahrt um die Welt". Ihre Zeichnungen sind kunterbunt. Egal ob über Paris, New York, dem Regenwald oder der Arktis: Die Ansichten sind von einer großen Präzision, die Ballons hinreißend gestaltet. Auch wer schon seit Jahren kein Kinderbuch mehr in der Hand hatte, gerät in dieser Ausstellung ins Schwärmen. Ein Kunstwerk entsteht erst während der Ausstellung selbst: Jeder Besucher darf ein Kärtchen ausfüllen und selbst beschreiben, was für ihn "ganz schön mutig" ist.

Ausstellung "ganz schön mutig. Internationale Bilderbuchillustrationen", in der K4 Galerie, Karlstraße 4, 66111 Saarbrücken. Geöffnet Dienstag bis Donnerstag 15-19 Uhr, Freitag 11-19 Uhr, Sonntag 15-19 Uhr, feiertags geschlossen. Während der Europäische Kinder- und Jugendbuchmesse , 23. bis 26. Mai, jeweils 9 bis 19 Uhr. Info: Tel. (06 81) 9 38 82 22.

Man hört und liest immer öfter von Studien, die belegen, dass zu früher und zu intensiver Bildschirm-Kontakt dazu führt, dass die kindliche Intelligenz leidet. Sie arbeiten seit vielen Jahren mit Kindern. Haben Sie eigene Beobachtungen dazu?

Bärbel Oftring: An meinen eigenen Kindern, deren Freunden und den vielen Schulkindern erlebe ich schon die große Faszination, die von Fernsehen, PC und digitalen Spielen ausgeht. Das führt unter anderem auch dazu, dass die Kinder heute unglaublich viel wissen. Was aber vielen Kindern fehlt, sind körperliche und Sinnes-Erfahrungen: Sie wissen, warum ein Glühwürmchen leuchtet, haben aber noch nie eines draußen gesehen. Sie können ein Eichenblatt von einem Buchenblatt unterscheiden, sind aber noch nie auf einen Baum geklettert. Das ist fatal.

Die Sogwirkung bewegter Bilder in Computer und Fernsehen ist enorm. Was können Eltern tun, um ihre Kinder vom Bildschirm weg zu locken?

Bärbel Oftring: Zuallererst die eigenen Ängste um die Sicherheit der Kinder im Freien und das daraus resultierende Kontrollverhalten ablegen - denn genau deshalb sitzen ja viele Kinder vor dem Bildschirm: Die Eltern wissen dann, dass den Kindern "nichts" passiert - und ahnen nicht, dass das Vorenthalten von Erfahrungen draußen viel weitreichendere negative Folgen für das Leben der Kinder hat als ein Beinbruch, den es sich vielleicht beim Sturz zuziehen kann.

Kinder lernen durch Vorbilder. Haben Sie auch Anregungen, wie man die Erwachsenen vom Bildschirm wegbekommt? Denn es nutzt ja die beste Predigt und das tollste Angebot nichts, wenn die Kinder dann erleben, wie ihre Eltern Abend für Abend am PC oder vor der Klotze hängen.

Bärbel Oftring: Ich glaube, dass Kinder sehr wohl unterscheiden können, dass es eine Erwachsenenwelt gibt und eine Kinderwelt. Erwachsene dürfen Krimis schauen, dürfen Auto fahren oder mit Feuer hantieren und Kinder nicht. Vielleicht sollten gerade Eltern ihr Verhalten zuhause einmal dahin gehend überprüfen, was denn für sie zu einem erfüllten Tag dazugehört - ich vermute, dass bei solch einer Aufzählung PC und Fernsehen nicht an erster Stelle rangieren. Und dann müssen sie nur noch dafür sorgen, dass diese ersten Präferenzen auch die meiste Zeit ihres Lebens einnehmen. Ich bin mir sicher, dass zu diesen Prioritäten auch erholsame Spaziergänge, befriedigende Gartenarbeit oder Zeit verbringen mit den eigenen Kindern gehören.

Sie bieten bei der Saarbrücker Kinder- und Jugendbuchmesse ein Impulsatelier für Eltern zum Thema "Weg vom Computer"! an. Was passiert da?

Bärbel Oftring: Ich höre im Gespräch mit Eltern immer wieder, dass sie ja wissen, wie wichtig es ist, dass ihre Kinder draußen spielen. Da sie aber selbst nur wenig Beziehung zur Natur haben, fehlen ihnen die Ideen, was sie denn draußen außer Spazierengehen überhaupt tun können. Vor allem dazu möchte ich den Eltern viele Impulse und Ideen mit auf den Weg geben.

Impulsateliers von Bärbel Oftring im Rahmen der Kinder- und Jugendbuchmesse: "Die Natur ist ein aufregendes Abenteuer", Donnerstag, 23. Mai, 14 Uhr, Schloss, Raum E. "Weg vom Computer!", Sonntag, 26. Mai, 11 Uhr, VHS-Zentrum , Raum B.