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Theater Überzwerg
„Kinder brauchen die bestmögliche Bildung“

 Zum Jubliäum wird’s bunt: Bob Ziegenbalg, künstlerischer Leiter des Theaters Überzwerg, auf der Bühne am Erich-Kästner-Platz in St. Arnual.
Zum Jubliäum wird’s bunt: Bob Ziegenbalg, künstlerischer Leiter des Theaters Überzwerg, auf der Bühne am Erich-Kästner-Platz in St. Arnual. FOTO: Iris Maria Maurer
Saarbrücken. Was ein Theatermacher sich für Kinder und Jugendliche gleich welcher Herkunft wünscht. Von Ilka Desgranges

In vier Jahrzehnten hat sich das saarländische Kinder- und Jugendtheater „Überzwerg“ mit Spielstätte in Saarbrücken über das Saarland hinaus einen sehr guten Ruf erspielt. Zur Jubiläumsfeier am Wochenende kommen viele an den Ort zurück, an dem die Liebe zum Theater sie packte.


Wie fühlt man sich, wenn das Kinder- und Jugendtheater, für das man schon 32 Jahre arbeitet, 40 Jahre alt wird?



Ziegenbalg: Ich fühle mich sehr gut. Ich freue mich, dass zum Geburtstag sehr viele kommen, ehemalige Mitarbeiter und Menschen, die im Jugendclub angefangen haben. Und fast alle kommen gerne wieder.

Es war und ist ja auch ein Sprungbrett.

Ziegenbalg: Man kann bei uns vom Kinderclub bis zum Abitur bleiben. Einige haben das auch gemacht. Zum Beispiel Ali Berber, der jetzt am Saarländischen Staatstheater ist.

Was ist für Sie das Besondere an der Arbeit mit jungen Leuten? Sie spielen ja nicht nur für junge Leute, sie bringen ihnen auch das Theaterspielen bei.

Ziegenbalg: Es geht zuerst einmal darum, Räume zu schaffen, in die man angstfrei reingehen kann und in denen man sich angstfrei ausprobieren kann. Das bringt jedem etwas. Auch denen, die danach nicht ans Theater gehen, und das ist ja die Mehrzahl. Ihnen zu helfen, eine gewisse Weitwinkligkeit zu entwickeln, um den Partner wahrzunehmen. Das ist eine Schulung, die jedem im Leben etwas bringen kann. Theater ist Teamarbeit.

Sie würden also jedem empfehlen: Spielt mal Theater, danach geht es euch besser?

Ziegenbalg: Das ist jetzt sehr kurz zusammengefasst (lacht). Mädchen neigen mehr dazu, sich auszuprobieren und andere Haltungen einzunehmen. Jungs sind im Alter zwischen vierzehn und sechzehn meist unglücklich verliebt. Sie halten an einer männlichen Haltung fest. Das aufzubrechen, miteinander umzugehen, miteinander zu improvisieren, das sind Sachen, die machen locker, die machen Spaß und bringen eine Gruppe zusammen. Ich habe den Eindruck, dass alle, die aus unserem Theater kommen, Ensemblemenschen sind. Wenn Theater nur aus Solisten besteht, ist es langweilig.

Kommen denn mehr Mädchen in die Jugendclubs?

Ziegenbalg: Das ist allgemein so, dass Frauen sich mehr für die Schauspielerei interessieren. An Schauspielschulen haben es Männer ein wenig leichter, weil sich wesentlich mehr Frauen bewerben.

Wie sind Sie selbst zum Theater gekommen?

Ziegenbalg: Zufällig. Ich habe eigentlich eine kaufmännische Ausbildung gemacht und eine Ausbildung zum Diakon. Dann habe ich angefangen zu schreiben und habe Leute gesucht, die das spielen, was ich geschrieben habe. Als ich niemanden gefunden habe, habe ich angefangen, selbst zu spielen. Darüber bin ich dann zum Kabarett gekommen und über das Kabarett zu den Überzwergen.

Sie haben also mehrere Formen ausprobiert, um dann festzustellen, dass Kinder- und Jugendtheater die richtige Form für sie ist.

Ziegenbalg: Das hat sich möglicherweise ergeben, als mein erster Sohn geboren wurde. Da habe ich angefangen, Geschichten zu erzählen. Und als ich dann von Mitspielern im Kabarett Blaue Maus gefragt wurde, ob ich nicht Lust hätte, Kinder- und Jugendtheater zu machen, dachte ich: Warum nicht? Ich war zunächst Gastschauspieler. Als ich dann künstlerischer Leiter wurde, habe ich bald danach den Jugendclub gegründet. Die Jugendclubs habe ich immer als etwas empfunden, wovon beide Seiten profitiert haben. Wenn man engen Kontakt mit den Jugendlichen hat und mit ihnen arbeitet, bekommt man mit, was sie interessiert, woran sie Spaß haben.

Kinder und Jugendliche nehmen heute Informationen anders auf als früher. Führen Internet und Smartphone dazu, dass sie andere Stücke anbieten oder die Stücke anders anbieten?

Ziegenbalg: Das ist richtig, aber das war schon in den 70er-Jahren so. Damals konnte man kein Theater mehr machen wie in den 50ern. Durch die Digitalisierung hat sich vieles verändert; wir haben auch andere technische Möglichkeiten. Bei Stücken für kleinere Kinder ist das nicht nötig. Da kann man auch auf alte Mittel zurückgreifen, wie jetzt bei „Frühstück mit Wolf“, wo wir mit schwarzem Theater arbeiten.

Aufmerksamkeit und Aufnahmefähigkeit verändern sich. Merken Sie das als Theatermacher auch?

Ziegenbalg: Die Aufmerksamkeitsspannen sind kürzer geworden. Ich muss mir im Vorfeld sehr viele Gedanken machen, wie ich die Aufmerksamkeit der jungen Leute bekomme. Beim Stück wie „Big Deal“, in dem jemand zur Drogenberatung muss, ist die Spannung im Publikum spürbar. Die bleiben dabei. Das geht sie an. Die Aufmerksamkeit hält ansonsten nicht mehr so lange.

Was tun?

Ziegenbalg: Man muss sie einfach da abholen, wo sie stehen. Wenn ich ein neues Stück für kleine Kinder mache, dann gehe ich in der Regel vorher mit der ganzen Truppe ein paar Tage in den Kindergarten. Jeder geht in eine Gruppe und spielt drei Tage mit den Kindern, um sich an dieses Alter zu erinnern. Um sich daran zu erinnern, was für einen unverstellten Horizont Kinder in diesem Alter haben. Und dann weiß man, für wen man spielt. Es gibt viele Stücke, die sind ab vier Jahren freigegeben. Das ist Blödsinn, weil viele Vierjährige bestimmte Ebenen noch gar nicht verstehen. Man kann kleinen Kindern nicht alles zumuten, man muss einfach sehr behutsam und vernünftig arbeiten. Das betrifft eigentlich alle Altersgruppen, wobei man da auch sagen kann, dass in der Regel ab einem bestimmten Alter Kinder und Jugendliche dankbar sind, wenn sie ernst genommen werden im Theater. Solange die Kinder klein sind, möchte man sie möglichst schnell an etwas heranführen. Das geht bis zur Einschulung. Und dann denken viele Eltern „um Himmelswillen, was auf das Kind alles zukommt“ und wollen möglichst viel von ihm fernhalten. Ich denke, man kann ihnen etwas zumuten. Kinder sind nicht dumm. Sie nehmen wahr. Und die Erwachsenen nehmen oft nicht wahr, was die Kinder alles wahrnehmen. Sie genießen es auch, wenn man ihnen etwas zutraut. In unserem Jubiläumsstück „In meinem Hals steckt eine Weltkugel“ geht es um die Überforderung des modernen Menschen.

Wie wird jetzt gefeiert?

Ziegenbalg: Wir spielen einfach weiter und machen weiter wie immer. Und am Wochenende feiern wir unser Hoffest.

Was wünschen Sie sich für das Kinder und Jugendtheater?

Ziegenbalg: Mir hat es nie etwas ausgemacht, dass selbst Freunde, die mich näher kennen, denken, ich mache so eine Art Kasperletheater. Wenn sie dann hierher kommen, staunen sie, welche Stücke wir aufführen. Ich wünsche mir, dass Kinder- und Jugendtheater mit derselben Selbstverständlichkeit gefördert wird wie die Großen, auch die Schauspieler und die Autoren. Für die Gesellschaft insgesamt wünsche ich mir, dass sie begreift, dass es wichtig ist, dem Nachwuchs ganz egal, wo er seine Wurzeln hat, gute Chancen zu eröffnen und zu helfen, sein kreatives Potenzial zu entwickeln. Die bestmögliche Bildung ist Aufgabe der gesamten Gesellschaft, und das muss diese Gesellschaft erkennen. Ich wünsche allen Kindern, dass sie vernünftig gefördert werden.

 Vom Jugendclub in große Häuser: Ali Berber (r.) als Derwisch in der Saarbrücker Nathan-Inszenierung. Links Gregor Trakis als Nathan.
Vom Jugendclub in große Häuser: Ali Berber (r.) als Derwisch in der Saarbrücker Nathan-Inszenierung. Links Gregor Trakis als Nathan. FOTO: Staatstheater / Martin Kaufhold
 Gespräch auf der Bühne: Im Bühnenbild von „Frühstück und Wolf“ sprechen Bob Ziegenbalg und SZ-Redakteurin Ilka Desgranges über die Wirkung von Theater auf Kinder und Jugendliche.
Gespräch auf der Bühne: Im Bühnenbild von „Frühstück und Wolf“ sprechen Bob Ziegenbalg und SZ-Redakteurin Ilka Desgranges über die Wirkung von Theater auf Kinder und Jugendliche. FOTO: Iris Maria Maurer