Keine Chance gegen den Lisdorfer Berg

Wenn neue, mit Steuergeld geförderte Industriegebiete um Ansiedlungen werben, hat Saarbrücken schon einmal das Nachsehen. Dennoch fühlt sich das Oberzentrum stark genug, seine 620 Hektar Gewerbeflächen zügig zu besetzen. Manchmal hilft auch die Liebe.

Dass sich der Rollladenhersteller Lakal mit 400 Mitarbeitern im neuen Industrie- und Gewerbegebiet Lisdorfer Berg ansiedelt, ist für die Region Saarlouis ein großartiger Ansiedlungserfolg. Für die Stadt Saarbrücken , wo das Familienunternehmen noch seinen Sitz hat, muss der bevorstehende Umzug als Verlust verbucht werden.

Nach Worten des Wirtschaftsförderers der Landeshauptstadt, Lothar Kuntz, hatte man allerdings so gut wie keine Chance, Lakal zu halten. Man sieht den Verlust im Rathaus sportlich, denn man hatte dem Wettbewerber nichts entgegenzusetzen. Am Standort Goldene Bremm war es Lakal zu eng und unpraktisch geworden, eine Fläche im gewünschten Zuschnitt hätte es allenfalls in Burbach ("aw-Werk") gegeben - zu weit vom Schuss und unpraktisch.

Wettbewerbsverzerrung?

"Der Umzug von Lakal ist aber auch ein Musterbeispiel, wie Ansiedlungspolitik nicht sein sollte", kritisiert der Amtsleiter eine doppelte Wettbewerbsverzerrung zu Lasten Saarbrückens. Der "Lisdorfer Berg" sei mit viel Steuergeld errichtet worden, außerdem gebe es Geld für Firmen, die sich niederlassen. Es sei nicht fein, wenn auch noch gezielt abgeworben werde, meint Kuntz. Die Landeshauptstadt gelte nicht als "Fördergebiet", müsse also ihre Industrie- und Gewerbeflächen in Eigenleistung zu höheren Kosten erschließen. Alles in allem ist Kuntz aber nicht zum Klagen zumute. Die 620 Hektar Industrie- und Gewerbeflächen in Saarbrücken sind nach seinen Worten nämlich zu 90 Prozent belegt. Rege Wohnbautätigkeit in der Innenstadt, und zwar von Privatinvestoren, gilt als Indikator für hohe Attraktivität. Saarbrücken als Oberzentrum bemühe sich auch sehr, als Wirtschaftsstandort attraktiv zu bleiben, und vor allem über die Gesellschaft für Innovation und Unternehmensförderung (GIU) ständig neue Flächen (auch kleine) zu entwickeln und Vorsorge für eingesessene Firmen zu treffen, die Expansionspläne haben.

Der im Vorjahr vom Stadtrat beschlossene Masterplan Gewerbe- und Industrieflächenentwicklung sei "ein sehr gutes Handwerkszeug", denn er betrachte 125 Flächen im Hinblick auf ihre Möglichkeiten. "Die Lakal-Entscheidung fiel ja schon vor zwei Jahren, heute könnten wir der Firma ein anderes Angebot machen", verrät Kuntz. Für wünschenswert hielte der Experte große interkommunale Ansiedlungsflächen, etwa mit Völklingen oder Sulzbach. Dann könnten Regionen, die heute noch außerhalb der Stadtgrenze liegen, eine Saarbrücker Adresse erhalten. Je nach Branche sei es interessant, eine Anschrift in der Landeshauptstadt zu haben, heißt es. Aber dann müsste Kirchturmdenken überwunden werden.

Nach welchen Maßstäben lassen sich eigentlich Unternehmen nieder? Da gebe es viele Kriterien, heißt es in der Wirtschaft, angefangen von Steuerhebesätzen (wo sie hoch sind, werden sie von der Politik kleingeredet), Verkehrsanbindungen, Märkten, der Nähe zu Forschungseinrichtungen, der Verfügbarkeit von Mitarbeitern, Wohnungen, Schulen und Freizeitmöglichkeiten.

Wie Kuntz verrät, habe kürzlich Saarbrücken bei der Ansiedlung eines Call-Centers wegen einer Kleinigkeit gegen Magdeburg verloren. Dort sei das Unternehmen bereits mit einer Niederlassung vertreten. Umgekehrt hat die Landeshauptstadt auch wegen "weicher" Faktoren auch Glück, etwa wenn ein Gründer sich gern an seine Studienzeit erinnert. Und manchmal entscheidet die Liebe der Führungskraft zu einem einzelnen Menschen darüber, wo ein Firmenschild angeschraubt wird.

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