Kein Platz für Bill

Ist es Diskriminierung, wenn Geschäftsleute ihre Kunden vor Bettlern und Obdachlosen schützen wollen und Sperren aufbauen? Was wiegt mehr, Geschäftsinteresse oder soziale Verantwortung? Ein Fall aus der Saarbrücker Bahnhofstraße.

Saarbrücken. Jeder hat Bill bestimmt schon einmal gesehen. Oder einen kleinen Bogen um ihn gemacht. Bill bettelt. Nicht schnorrend und fordernd, sondern still. Er hat eine abgewetzte Schirmmütze in der Hand, die er in stoischer Haltung vor sich hält. Bill ist dick, ein wenig ungepflegt, hat wettergegerbte Haut und müde Augen. Bills Platz ist am Einstieg in die Diskontopassage am Karstadt. Dort, wo die Rolltreppe die Passanten aus dem Untergrund der Einkaufsmeile hervorholt. Wer die Rolltreppe nimmt, muss an ihm vorbei. Beziehungsweise musste: Denn dort, wo Bill bisher auf der Außenmauer saß, ist seit ein paar Monaten ein massives Hindernis aus Eisen angebracht.Der Platz war ideal für den Bettler - regengeschützt und nah dran an den einkaufenden Passanten. "Ich soll da nicht mehr sitzen, deshalb haben sie das Ding gebaut", sagt Bill. Die, damit meint er die Chefs der Diskontopassage. "Sie haben behauptet, ich würde dort die Leute ansprechen und pöbeln." Das bestreitet Bill vehement: "Das brauche ich auch gar nicht. Die Leute kennen mich doch. Ich sitze hier seit fünf Jahren, die sehen mich, schwätzen mit mir und legen mir manchmal auch was in die Mütze. Ich mache kein Palaver", beteuert der 55-Jährige.

Eine andere Version erzählt Jürgen Lichterfeld. Er ist Prokurist der Firma Schneppendahl, die die Diskontopassage zusammen mit der Bayerischen Versorgungskammer besitzt und betreibt. Passanten hätten sich beschwert, dass dort aufdringlich gebettelt werde, sagt Lichterfeld. Auch Bill? "Es gab Ansprachen, das Feld zu räumen. Das ständige, auch aggressive Belagern schreckt Passanten ab", sagt Lichterfeld. Dass dort Bill sitzt, führe auch dazu, dass sich Passantenströme verändern, weil die Leute versuchen, den Bettler zu umgehen.

Lichterfeld wirbt für Verständnis: "Es geht hier nicht um soziale Kälte gegenüber dem Menschen, der dort sitzt. Wir als Betreiber sind verpflichtet, die Interessen der Geschäftsinhaber und Kunden zu vertreten und Ordnungsmaßnahmen vorzuhalten." Es sei ja auch nicht gerecht, wenn die Interessen der Ladenbesitzer verletzt würden.

Aber ist Bill nun ein Störer? Beim Ordnungsamt versichert man, dass es keine Beschwerden gäbe. "Im Gegenteil: Die Mitarbeiter sprechen von einem freundlichen und kooperativen Umgang des Mannes. Man könne nichts Negatives sagen", sagt Stadtsprecher Thomas Blug. Das bestätigt auch die Polizei. "Wenn alle so wären wie Bill, dann gäbe es kein Problem in Saarbrücken mit Randständigen", sagt der Chef der Kontaktpolizei, Thomas Rehlinger. Er kennt den Fall. Die Passage-Betreiber wollten gegen Bill vorgehen. "Wir haben uns eingeschaltet, damit das nicht eskaliert und Bill keine Nachteile entstehen." Die Betreiber seien im Recht. Der Mauervorsprung, auf dem Bill immer saß, sei privat. Das habe man beim Katasteramt prüfen lassen. Der Besitzer kann entscheiden, wen er haben möchte und wen nicht. Wer dagegen verstößt, begehe Hausfriedensbruch.

Die "Ordnungsmaßnahme", von der Lichterfeld spricht, hat ihre Wirkung nicht verfehlt. Seit das Hindernis angeschraubt wurde, kann Bill dort nicht mehr richtig sitzen. Bill ist schwer krank. Einfach auf den Boden hocken, ist nicht möglich. Er sei seit Januar Rentner und auf das Betteln angewiesen. "Ich bekomme 20 Euro weniger als Hartz-IV". Der ehemalige Obdachlose wohnt in Burbach. Jeden Tag fährt er mit dem Bus zum Betteln. Bill hat eine Ausbildung zum Industriekaufmann gemacht. "Abgeschlossen!", mahnt er mit erhobenem Zeigefinger an. Danach vier Jahre Bundeswehr. Anschließend habe er in Frankfurt Programmierer studiert. Warum er auf der Straße gelandet ist und heute betteln muss, erzählt er nicht. Lieber raucht er eine Zigarette, die ständig ausgeht, weil er vergisst, daran zu ziehen.

Bill hat die Ausgrenzung akzeptiert. Er sitzt nun 34 Schritte weiter auf der Steinmauer vor McDonald's. "Eins muss ich aber noch zeigen", sagt Bill und kramt aus seinem Portemonnaie einen Ausschnitt heraus. "Ich stehe sogar im Guinnessbuch der Rekorde!", verkündet er. Und tatsächlich: "… Bill … aus Saarbrücken (D) malte am 30. Dezember 1999 in sechs Stunden 21 402 Nullen auf ein DIN-A4 Blatt" steht dort geschrieben. Das sei harte Arbeit gewesen, sagt Bill. "Danach hatte ich zwei Monate eine Sehnenscheidenentzündung."

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Bill ist keine TaubenplageKein Grund zur Empörung

Von SZ-RedakteurFabian BosseVon SZ-Redakteur

Alexander Will

Ich fühle mich unwohl, wenn ich an einem Bettler vorbeimuss. Ich schaue dann demonstrativ weg, gebe mich in Gedanken versunken. Aus den Augen, aus dem Sinn. Es heißt, der Wert einer Gesellschaft misst sich daran, wie sie mit ihren schwächsten Gliedern umgeht. Wegschauen ist der erste Schritt hin zu Ausgrenzung. Es ist die einfachste Art zu zeigen: "Damit habe ich nichts zu tun!". Dafür zu sorgen, dass Armut erst gar nicht vor der eigenen Haustür sichtbar wird, ist dann der zweite Schritt. Ich verstehe die Argumente von Geschäftsinhabern. Ein Bettler vor dem Laden sieht eben nicht einladend aus. Aber sind Abwehrmaßnahmen nötig, die an die Bekämpfung einer Taubenplage erinnern? Hindernisse aufstellen, damit sich das Elend nicht niederlassen kann? Da machen es sich die Betreiber zu einfach. Eigentum verpflichtet. In diesem Fall zu mehr sozialer Verantwortung!Alles scheint so einfach: hier die herzlosen, bösen Immobilienbesitzer, dort der arme, vertriebene Bettler. Jenseits aller Plattheiten ist es jedoch eben nicht so einfach, und dafür gibt es genau drei Gründe. Erstens hat Bettelei noch nie Armut beseitigt. Zweitens ist es jedermanns Privatangelegenheit, ob er bettelt oder nicht. Diese Freiheit endet jedoch dort, wo die Freiheit anderer Menschen beginnt. Werde ich fast auf Tuchfühlung angeschnorrt, ohne dass ich ausweichen kann, verletzt der Bettler meine Freiheit. Drittens leben wir noch immer in einem Land, in dem der Eigentümer bestimmen kann, was er mit seinem Besitz macht und wem er den Zutritt erlaubt. Wer es anders will, muss einen Staatssozialismus nach DDR-Vorbild einführen. Im Übrigen aber sollte man den Ball flach halten. In Saarbrücken ist sehr wohl Platz für Bill - nur eben 30 Meter weiter.