Jedem sein Kirchenerlebnis

Zahlreiche Kirchen in Saarbrücken und Umgebung haben an Pfingstsonntag im Rahmen der saarlandweiten „Nacht der Kirchen“ von 20 bis 24 Uhr ihre Türen geöffnet. Es gab Musik, Gebete, Geschichten und mehr.

Gebete, Gespräche, Lieder, Instrumentalmusik und Psalmen gab es in der Basilika St. Johann.
Anne Lonsdorfer mit einem Wunschzettelkörbchen in der Kirche St. Jakob.
Im Evangelischen Gemeindezentrum Brebach-Fechingen musizierte der Singkreis der Gemeinde.
Sandra Worthmann-Follmar in der Rolle als „Hexe“ Bärbel.

"Kundschaft?" Kaum betritt jemand sein "Erzählmuseum", kommt Ewald Schulz hoffnungsvoll herbeigeeilt. Der Religionspädagoge von der Arbeitsstelle Kirche mit Kindern hat im Erdgeschoss des Evangelischen Gemeindezentrums Brebach-Fechingen krippenähnliche kleine Installationen aufgebaut und wartet auf junge Zuhörer. Denen möchte er gerne Geschichten und Märchen erzählen, in denen Frauen eine besondere Rolle spielen. Denn bei der "Nacht der Kirchen" an Pfingstsonntag steht hier alles unter den Nennern "Frauen der Gemeinde" und "Kinderkirche". Doch der Zuspruch ist eher verhalten.

Reise in die Vergangenheit

Deutlich mehr Trubel herrscht eine Etage höher: Dort musiziert spontan der Singkreis, und bei Fotos, Texten und Interviews mit Zeitzeuginnen dreht sich alles um Frauen, die das Bild der Gemeinde prägten - vom Gänsegretel bis zu Ida Charlotte Freifrau von Stumm-Halberg. Eine kleine Ausstellung mit Alltagsgegenständen, von Gunter Altenkirch vom Museum für dörfliche Alltagskultur in Rubenheim aufgebaut und erläutert, dokumentiert vergangenes Frauenleben.

Ein wichtiges Thema sind auch jene zehn Frauen, die Ende des 16. Jahrhunderts als Hexen verbrannt wurden: Im Kirchenraum lauschen zahlreiche Gäste an langen Tischen den Ausführungen von Sandra Worthmann-Follmar, die über Hexenverfolgungen spricht und Foltermethoden erläutert. Dass sie das barfuß und im Büßergewand tut, liegt daran, dass sie anschließend selbst in die Rolle der als Hexe angeklagten Bärbel schlüpft: Zusammen mit anderen Mitgliedern der Theatersparte des Kultur- und Trachtenvereins Bliesransbach spielt sie eine Szene aus dem 2010 uraufgeführten Theaterstück "Der letzte Hexenprozess von Ransbach".

Der Vergangenheit gedenkt man auch in St. Jakob in der Stengelstraße: In Kooperation mit dem karitativen Spicherer Verein "Aide et Partage" erinnert die Pfarrei an den Beginn des Ersten Weltkriegs vor 100 Jahren und appelliert an den Frieden.

Einzelne Stationen im Kirchenschiff zeigen etwa Briefe deutscher und französischer Soldaten und beleuchten kritisch die Rolle der Kirchen. Zudem gibt es Musik- und Filmbeiträge, Vorträge in Deutsch und Französisch sowie einen Stand von "Pax Christi" und eine Ausstellung des Zivilen Friedensdienstes. "Die Partnerschaft mit den Lothringern besteht schon seit über 40 Jahren", sagt Riccardo Foschia vom Sachausschuss Glaubensweitergabe des Pfarrgemeinderats. "Wir möchten sie bei dieser Gelegenheit noch einmal vertiefen." Und weil man unter dem Motto "Friede in Deinen Toren" auch eine Brücke in die Gegenwart schlagen möchte, ist symbolisch ein deutsch-französisches "Friedenstor" errichtet, an dem jeder Besucher einen Zettel mit pazifistischen Wünschen anbringen kann.

Mit heimeliger Herbergsatmosphäre lockt derweil die hölzerne Notkirche am 40er Grab. "Genießen, Ruhe finden, Unterhalten, Hören, Sehen und Spielen" lautet die Devise. Schon das illuminierte Äußere wirkt einladend, der Weg zum Eingang ist mit Bodenlichtern markiert. Drinnen hockt man gesellig und familiär beieinander. Auch das Musikprogramm ist eher unterhaltsamer Natur und bedient ein weites Spektrum von Klassik bis Jazz, von Rock bis Pop. In diesem Jahr musizieren die "Cello Kids" (Leitung: Sabine Heimrich) und wagen sich zu vorgerückter Stunde keck an die James-Bond-Titelmelodie oder "Memories" aus dem Musical "Cats". Danach lädt Presbyterin Claudia Wendt zum Choral-Singen ein.

Ins Nachtgebet vertieft

Eine ganz andere Stimmung herrscht in der Basilika. Hier ist unter dem Motto "Nightfever" eher Kontemplation angesagt - im Mittelpunkt stehen Gebete und Gespräche über Orientierung im Alltag, unterbrochen von Liedern, Instrumentalmusik und Psalmen. Kurz vor Mitternacht sind die vielen Besucher ins Nachtgebet vertieft.

Im merkwürdigen Kontrast dazu steht der weltliche Lärm, der ungehindert von den bevölkerten Seitenstraßen des St. Johanner Marktes eindringen kann. Denn die Seitentür des Gotteshauses ist weit geöffnet und gibt durch den Mittelgang einen einladenden Blick frei auf den von Kerzen strahlend hell erleuchteten Altarraum. Die Botschaft ist ebenso klar wie schön: Diese Kirche steht jedem offen!