„Inklusion ist ein Riesenprojekt“

Fast die Hälfte aller behinderten Kinder im Saarland besucht eine Regelschule. Für die Politik sei das noch lange kein Grund, sich zurückzulehnen, meint Diether Breitenbach (SPD), der in den 80er Jahren die Integration an saarländischen Schulen auf den Weg brachte.

Vor 30 Jahren, da war das Saarland bundesweit Vorreiter bei der Integration behinderter Kinder an Schulen. Zunächst sah es zwar nicht danach aus: Während alle anderen Bundesländer Modellversuche starteten, passierte im Saarland: nichts. Erst auf Betreiben des damaligen Bildungsministers Diether Breitenbach (SPD ) verabschiedete das Saarland 1986 ein Gesetz, das den gemeinsamen Unterricht behinderter und nicht behinderter Kinder an Regelschulen ermöglichte - als erstes Bundesland überhaupt. 2014 dann der nächste Schritt: Der Landtag setzte die UN-Behindertenrechtskonvention um. Jetzt werden Kinder mit Behinderung automatisch an Regelschulen eingeschult. Nur auf Antrag können sie eine Förderschule besuchen.

30 Jahre nach den Anfängen der Integration im Saarland zog Breitenbach auf einer Veranstaltung, die unter anderem die Arbeitskammer und der Verein "Miteinander Leben Lernen" organisiert hatten, gestern ein durchwachsenes Fazit. Breitenbach sieht zwar "eine positive Entwicklung", auch dank des aktuellen Bildungsministers Ulrich Commerçon (SPD ). Doch bis zu einer "Inklusion für alle" sei es noch ein steiniger Weg: "Wir haben ein Riesenprojekt vor uns. Die Umsetzung wird außerordentlich schwierig." Mit der UN-Konvention sei die rechtliche Grundlage geschaffen, in der Praxis gebe es aber bürokratische Hürden. So sind für die Inklusion die Schulbehörden , für die Förderung von Menschen mit Behinderung - etwa die Bewilligung eines Eingliederungshelfers für einen behinderten Schüler - aber die Sozialbehörden zuständig. "Das muss von Grund auf geändert werden", sagt Breitenbach. Auch bei der Lehrerfortbildung seien neue Strukturen notwendig. Das Ganze müsse zudem wissenschaftlich begleitet werden - was bei den "eingeschränkten Möglichkeiten der Hochschulen" nicht ganz einfach sei. Das Fazit des Ex-Bildungsministers: "Die Umsetzung der Inklusion muss Schwerpunkt der nächsten Legislaturperiode werden, sonst geht sie den Bach runter."

Sein früherer Mitstreiter Professor Alfred Sander, ehemals Erziehungswissenschaftler an der Saar-Uni und maßgeblich an dem Integrationsprojekt in den 80er Jahren beteiligt, wertet es als "Erfolgsgeschichte", dass inzwischen fast die Hälfte der rund 6800 Kinder mit Förderbedarf eine Regelschule besuchen. Anders Valentin Aichele vom Deutschen Institut für Menschenrechte, das die Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention überwacht: Er stellte Deutschland insgesamt, aber auch dem Saarland, kein gutes Zeugnis aus - bezogen auf Zahlen aus der Zeit zwischen 2008/09 und 2012/13, aktuellere legte er nicht vor. Sieben Jahre nach Inkrafttreten der UN-Konvention sei zu wenig passiert: Noch immer besuche der Großteil der Kinder mit Behinderung eine Förderschule. Zwischen 2008/09 und 2012/13 sei die Integrationsquote im Saarland, also die Zahl behinderter Kinder an Regelschulen, von 1,9 auf 3,6 Prozent gestiegen. Gleichzeitig sei aber auch der Anteil der Schüler, die eine Förderschule besuchen, gestiegen. "Obwohl alle über Inklusion reden, findet sie weniger statt", sagte Aichele.

Ähnlich sieht es Ilse Blug vom Verein "Miteinander Leben Lernen": Die Stimmung in der Öffentlichkeit und bei den Lehrern sei häufig von Ablehnung geprägt, vor allem was die Inklusion geistig behinderter Kinder angehe: "Wir sind in einer Phase, die viele als Stillstand oder Rückschritt erleben."