In sechs Tagen zum Facharzt

Die Bundesregierung will gegen lange Wartezeiten vorgehen. Die Ärzteschaft im Saarland will das selber regeln. Eine Studie zeigt nun: Ihr Modell der „Dringlichen Überweisung“ verkürzt die Wartezeit um über 50 Prozent.

Ob Orthopäde, Hautarzt oder Radiologe: Wie lange muss ein gesetzlich Versicherter im Saarland mit einer Überweisung auf einen Facharzttermin warten, gerade dann, wenn der Hausarzt eine besondere Dringlichkeit anmahnt? Das hat von April bis Ende September die Kassenärztliche Vereinigung Saarland (KV) mit dem Gesundheitsministerium und Forschern der Saar-Uni untersucht.

Seit 2010 existiert im Saarland die "Dringliche Überweisung", ein Formular, auf dem Hausärzte anmerken können, ob der Patient dringend einen Facharzttermin braucht. In diesem Fall kümmert sich die Hausarztpraxis darum, dass der Patient zügig einen Termin beim Facharzt bekommt. "Wir wussten bislang nicht, ob das funktioniert", sagte KV-Vorsitzender Gunter Hauptmann.

Nun liegen erste Ergebnisse der repräsentativen Studie vor. Demnach waren 11,6 Prozent der 4641 untersuchten Überweisungen in 84 teilnehmenden Hausarztpraxen dringlich. "Das zeigt, dass die saarländische Ärzteschaft das Instrument sehr zielgerichtet verwendet", sagte Gesundheitsminister Andreas Storm (CDU ).

Über die beiden Quartale betrachtet betrug die Wartezeit für einen Facharzttermin bei normalen Überweisungen im Schnitt 13,74 Tage, bei dringlichen Überweisungen aber nur 6,03 Tage. Bei der dringlichen Überweisung wurde zwischen zwei Stufen unterschieden: Bei einfacher Dringlichkeit lag die Überweisungsdauer bei 7,48 Tagen, bei hoher Dringlichkeit bei 3,46 Tagen.

Im Durchschnitt hatten 86,5 Prozent aller Patienten nach 28 Tagen einen Facharzttermin, nach 35 Tagen waren es 90,2 Prozent. Bei den dringlichen Überweisungen hatten nach vier Wochen 95,5 Prozent der Patienten einen Termin, nach fünf Wochen waren es 97 Prozent. "Das Instrument der dringlichen Überweisung senkt die Wartezeiten auf einen Facharzttermin deutlich", sagte der BWL-Professor Martin Dietrich, der die Studie leitete. Über alle Facharztgebiete hinweg verkürzte die Dringlichkeitsüberweisung die Wartezeit. In der Auswertung zeichne sich die Tendenz ab, dass auch Ärzte und Patienten mit dem Modell zufrieden sind. In der Studie nicht erfasst sind Patienten , die ohne Überweisung des Hausarztes selbst einen Facharzt aufsuchen.

Storm sagte, mit dem saarländischen Modell erfülle man das Ziel der Bundesregierung, die Wartezeiten für einen Facharzttermin zu begrenzen. Der erste Entwurf des Bundesgesundheitsministeriums für das für Anfang 2015 geplante Gesetz sieht vor, dass sich Versicherte bei Vorlage einer Überweisung des Hausarztes an neue Termin-Servicestellen der KV wenden können, die dann eine Woche Zeit haben, einen Termin innerhalb der nächsten vier Wochen zu finden. Gelingt dies nicht, sollen sie sich auf Kosten der niedergelassenen Ärzte im Krankenhaus behandeln lassen können.

Die KV lehnt dies ab. "Wir gehen davon aus, dass in unserem Modell Patienten zum Facharzt ihrer Wahl und nicht an irgendwen vermittelt werden", sagte Hauptmann. Er fürchtet, dass viele Hausärzte die Verantwortung an die Servicestellen abgeben würden. Diese würden zudem nicht nach dem Gebot der Dringlichkeit auswählen.

Storm will sich dafür einsetzen, dass in das Gesetz Öffnungsklauseln für regionale Strukturen wie das Saar-Modell aufgenommen werden. Voraussetzung sei, dass diese das Ziel der zeitnahen Terminvergabe erreichen und regelmäßig auf ihre Wirksamkeit überprüft werden.

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Am Rande
25 197 Termine bei 425 saarländischen Haus- und Fachärzten haben Patienten im dritten Quartal dieses Jahres einfach sausen lassen - ohne abzusagen. Wie die Kassenärztliche Vereinigung (KV) mitteilt, entfallen allein 219 Termine auf zwei Praxen von Neurochirurgen sowie 2369 Termine auf 23 Augenarztpraxen. Die KV sieht darin ein Problem, weil sich dadurch die Wartezeiten verlängerten. ukl