Im Schatten der Geschichte

Die Nazi-Zeit im Saarland und ihre Folgen: Nichts erregt bis heute die geschichtlich und politisch interessierten Zeitgenossen so sehr wie dieses Thema. Nach den Auseinandersetzungen um den Erinnerungsort Rabbiner-Rülf-Platz in Saarbrücken und den Fortbestand des Ortsnamens Hermann-Röchling-Höhe in Völklingen haben die „Saargeschichten“, das Magazin zur regionalen Kultur und Geschichte, in ihrer aktuellen Ausgabe ein weiteres „heißes Eisen“ angepackt: die Nazi-Vergangenheit des „ewigen“ Saar-Ministerpräsidenten Franz Josef Röder (CDU, 1959 bis 1979).

. Franz Josef Röder prangt in Schwarz-Weiß auf einer 1970er-Jahre-Fotografie von Jupp Darchinger vor dem Berliner Reichstag auf dem Cover des Magazins "Saargeschichten", das vom Historischen Verein für die Saargegend zusammen mit dem Landesverband der historisch-kulturellen Vereine des Saarlandes herausgegeben wird. Unter der Überschrift "Im Schatten der Geschichte. Fakten und Überlegungen zu Franz Josef Röders Vergangenheit vor 1945" begibt sich der Landesarchivar Peter Wettmann-Jungblut auf Spurensuche. Doch diese Spurensuche bringt auf zehn Seiten zwar viele Fotos und Faksimiles von Aktenblättern, aber wenig Greifbares, das Röders Haltung in der Zeit seiner NSDAP-Mitgliedschaft von 1933 bis 1945 belegen kann.

Wettmann-Jungblut beklagt, "seit Jahrzehnten gibt es über Röders vorgeblich braune Vergangenheit keine öffentliche Diskussion, sondern eher ein stilles, unterirdisches Rumoren, das immer mal wieder Verdächtigungen an die Oberfläche spült, sei es in der Form von einschlägigen Anfragen an staatliche Behörden, sei es in der Form empörter Reaktionen auf biografische Artikel, die Röders Mitgliedschaft in der NSDAP unerwähnt lassen". Die historische Forschung habe außer dem Umstand, dass Röder ein relativ frühes Mitglied der Nazipartei im Saarland war, "bis heute keine weiteren Beweise für Röders braune Gesinnung, gar Verstrickung in das NS-Regime gefunden". Daher sei ein "sensibler Umgang" mit dem Thema vonnöten.

Als Kronzeugen für einen Freispruch Röders von der Anklage, ein überzeugter Nazi gewesen zu sein, bietet Wettmann-Jungblut keinen Geringeren als den Vorsitzenden der Linksfraktion im Saar-Landtag, den Ex-SPD-Ministerpräsidenten Oskar Lafontaine, auf. Lafontaine schrieb im Vorwort der 2013 veröffentlichten Linken-Broschüre "Braune Spuren im Landtag", dass Röder aus rein "opportunistischen Gründen und unter dem Druck der Anpassung an den Zeitgeist" der NSDAP beigetreten sei. Röder war als angehender Lehrer Parteigenosse geworden, war im NS-Lehrerbund (NSLB) und im NS-Kraftfahrkorps (NSKK) Mitglied. Nach zweijährigem Referendariat in Neunkirchen und St. Wendel wurde Röder Studienassessor, fand aber trotz seiner Parteimitgliedschaft nur Teilzeitbeschäftigungen am Gymnasium St. Wendel und am Saarbrücker Ludwigsgymnasium. Dann wurde er im November 1937 als Studienrat am Deutschen Realgymnasium in Den Haag eingestellt und betreute dort die Zweigstelle des Deutschen Akademischen Austauschdienstes. Doch gerade Röders Zeit in Holland bis 1944, das 1940 von der Wehrmacht überfallen und besetzt worden war, ist laut Wettmann-Jungblut aufgrund von bei Bombenangriffen verloren gegangenen Akten unzureichend dokumentiert. Die Entnazifizierung, die am 7. November 1948 im Saarland durch den Staatskommissar für die politische Säuberung des Saarlandes abgeschlossen wurde, weist ebenfalls blinde Flecken auf, da nicht klar sei, wie die Urteilsbegründung laute, so Wettmann-Jungblut. Die "Persilscheine" von Menschen, die für ihn bürgten, fehlen ebenso. Röder habe seine NSDAP-Mitgliedschaft als "Tarnung" eingestuft, so der Landesarchivar, um seine "erklärte Gegnerschaft zum Nationalsozialismus nicht offenbar werden zu lassen". Doch Wettmann-Jungblut räumt ein, dass Röders Betonung seiner "katholischen Haltung" allein nicht ausreiche: Die ideologischen Schnittmengen zwischen dem politischen Katholizismus und dem Nationalsozialismus seien sicher lange Zeit größer gewesen, als Röder nach 1945 eingestehen wollte.

So stehen am Ende von Wettmann-Jungbluts Abhandlung immer noch zu viele Fragezeichen, als dass Röders Bild fleckenfrei wäre. Der Landesarchivar bittet darum, künftig von einer "automatisierten Moralisierung" der NS-Erfahrung der Vorväter Abstand zu nehmen. "Das hilft sicher nicht weiter." Doch viele Fragen müssen noch gestellt und geklärt werden: Wie hat Röder in Holland in der deutschen Besatzungszeit gehandelt? Was hat er nach 1955, als er die politische Bühne betrat, getan, um seine NSDAP-Mitgliedschaft zu rechtfertigen oder gar zu sühnen, indem er auf die NS-Opfer zuging? Und warum waren so viele Ex-Nazis nach 1955 in den ersten Regierungen des Saarlandes? Auf die Historiker wartet noch viel Aufklärungsarbeit.

"Im Schatten der Geschichte. Fakten und Überlegungen zu Franz Josef Röders Vergangenheit vor 1945". In: Saargeschichten. Magazin zur regionalen Kultur und Geschichte. Ausgabe 4/2013, 4 Euro.

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