„Ich, Migrantenkind“

Tausende Menschen kommen derzeit nach Deutschland auf der Flucht vor Krieg und Not. Von vielen werden sie mit offenen Armen empfangen, doch es gibt auch Deutsche, die Fremde ablehnen, ihnen mit Hass gegenübertreten. Dabei hat jeder unter seinen Vorfahren Flüchtlinge oder Migranten. Unsere Mitarbeiterin Traudl Brenner, die seit beinahe 60 Jahren für die Saarbrücker Zeitung schreibt, hat das zum Anlass genommen, ihre Migranten-Geschichte zu erzählen.

Neulich beim Einkaufen hat mich an der Obsttheke ein älterer Mann angesprochen und auf die Kiste mit den Zwetschgen gezeigt. "Wie heißt?", hat er gefragt. Und sich dann die Zunge verrenkt beim Versuch, das komplizierte Wort nachzusprechen. Aus Albanien sei er, hat der Mann erklärt, er versuche jetzt Deutsch zu lernen. "Deetschte besser widder hämm gehn", hat im Vorbeigehen ein offenbar deutscher Mann ähnlichen Alters in den Bart gebrummt. Das hat mich auf die Idee gebracht, mal die Migranten-Geschichte meiner Familie aufzuschreiben. Aus der kann man allerhand lernen, wenn man will.

Nun muss man bei meinem angeheirateten Familiennamen nicht lange rätseln: Brenner-Vorfahren waren meist Kohlenbrenner. Vielleicht auch Schnapsbrenner. Oder Zuwanderer aus dem italienischen Raum, die den Weg über den Brenner gefunden hatten. Woher deren Vorfahren mal zugewandert sind, ist nicht mehr festzustellen.

Aber mein Geburtsname: Henges. Schon vor einem halben Jahrhundert hat sich ein Onkel auf Spurensuche gemacht, viel gefunden und akribisch notiert: Mein Urahn war demnach ein Soldat. Französisch? Spanisch? Auf jeden Fall hat es ihn während des Erbfolgekriegs im 17. Jahrhundert in die Pfalz verschlagen, wo er hängen blieb. Horbach heißt das Dorf. Dort kam dann auch im späteren 19. Jahrhundert mein Großvater August auf die Welt, der später als Trompeter mit dem Zirkus Krone durch die Welt tourte. Zurück in der Pfalz hat er ein Mädchen aus dem Glan-Tal geheiratet, über dessen Stammbaum ich allerdings nicht viel weiß. Dieser Opa August hat später in Pirmasens eine kleine Schuhfabrik gegründet. So weit die väterliche Seite.

Nun zur mütterlichen. Deren Familienname lautete Funda. Damit ist schon klar: italienische Wurzeln. Die Fundas waren in der Mitte des 19. Jahrhunderts auf der Suche nach Arbeit in die Pfalz gekommen und hatten sich erstmal in Annweiler am Trifels niedergelassen. Meinen Opa Johann Funda hat es dann auch nach Pirmasens getrieben, da blühte gerade die Schuhindustrie auf. Die heute verschlafene Pfälzer Stadt wurde zur "deutschen Schuhmetropole" mit vielen Fabriken. Da gab's Arbeit - unendlich viele Zuwanderer, an der Spitze Italiener und Polen. Das Pirmasenser Telefonbuch verrät heute noch viel über die Herkunft der Bevölkerung, viele Familiennamen haben fremde Wurzeln.

Der Funda-Opa hat jedenfalls bei "Rheinberger" Karriere gemacht, der damals größten deutschen Schuhfabrik. Zuvor hatte er aber schon meine Oma Franziska aus dem pfälzischen Ort Waldfischbach geheiratet. Deren Familie hieß Kieborz und war schon längere Zeit in der Pfalz. Sie waren Nachkommen von Schweizern: Mennoniten , die im 17. Jahrhundert aus der Schweiz geflüchtet waren, als diese Religionsgemeinschaft dort verboten wurde. Die Kieborze stammten von Burgsassen der Kieburg bei Basel ab, das ist nachgewiesen. In der Pfalz landeten viele der Schweizer Glaubensflüchtlinge, weil ihnen der pfälzische Kurfürst Karl Ludwig I. Zuflucht gewährte. Reine Menschenliebe war das sicher nicht, das Land war nach dem Dreißigjährigen Krieg quasi entvölkert, und die für ihren Fleiß bekannten Schweizer bauten das pfälzische Müllereiwesen auf. Später wanderten viele von ihnen aus nach Amerika, nach Pennsylvania, wo Religionsfreiheit herrschte. Auch Nachkommen der Fundas sind nach Amerika gegangen, darunter eine Familie, die dort dann, der Aussprache wegen, aus dem "u" ein "o" gemacht hat und berühmte Schauspieler hervorbrachte. Leider wussten oder wissen meine Verwandten Henry und Jane Fonda von mir überhaupt nichts.

Übrigens, um nochmals auf die Zwetschgen zurückzukommen: Die sind auch Migranten . Sie dürften ursprünglich aus dem asiatischen Raum stammen. Ihre Namen haben die Früchtchen wohl auch schon mitgebracht, die haben sich nur noch ein bisschen anders angehört und sind dann "eingedeutscht" worden. Sowas braucht halt seine Zeit.

 Unsere Autorin Traudl Brenner heute. Foto: Iris Maurer
Unsere Autorin Traudl Brenner heute. Foto: Iris Maurer Foto: Iris Maurer

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Zur PersonSZ-Mitarbeiterin Traudl Brenner (tb) wurde 1936 in Pirmasens geboren. Sie lebt seit 1959 im Saarland und schreibt seitdem für die Saarbrücker Zeitung und weitere Zeitungen. Ihr Mann Gerhard Brenner, der 1981 gestorben ist, war SZ-Redakteur. Auch ihre Tochter Susanne, ihr Sohn Ulrich und ihre Schwiegertochter Esther sind SZ-Redakteure. red