Hörer an die Macht

Just von Klassik Radio, bei öffentlich-rechtlichen Kulturfunkern lange als leichtgewichtiger Kommerzrivale verschrien, hat sich der Saarländische Rundfunk seine neue Musikchefin fürs Kulturradio geholt. Aber nicht nur deshalb verspricht Bettina Zacher frischen Wind.

Klar, eine Radiostimme. Voll, gewinnend - und ihr Lachen springt wie ein Dur-Akkord aufwärts. Dabei könnte Bettina Zacher, amtsfrische Musikchefin von SR2 Kulturradio, fraglos auch Fernsehen. Was sollen denn jetzt solche Äußerlichkeiten? Na ja, Musikchefs in ARD-Anstalten waren über Dekaden meist ehrwürdig ergraute Damen und Herren, Gralshüter der Klassik wie der Neuen Musik. Menschen, die Erquickung in der Lektüre von Stockhausens Millimeter-Papier-Partituren fanden.

Guckt man, wie man das heute halt so macht, bei Bettina Zacher auf Facebook rein, findet man reihenweise Selfies mit David Garrett oder auch Lang Lang. Nix E wie Ernste Musik. Bei der 42-Jährigen, bis Ende vorigen Jahres Musikchefin und Moderatorin bei Klassik Radio in Hamburg, sieht E-Musik nach purer Lebensfreude aus. Und genauso will die studierte Orchestermusikerin (Detmold, Stuttgart, Budapest) Programm machen. Da darf man wohl von einer interessanten Personalentscheidungen auf dem Halberg sprechen.

Wobei Zacher nicht zur Attacke bläst. Sicher, Popwellen werden manchmal so fix umgekrempelt, dass man morgens den Sender nicht wiedererkennt, bei dem man abends zuvor einschlief. Bei Kulturradios aber ticken die Uhren (noch) anders. Reformen werden von Hörern meist kritisch begleitet. Auch SR2 erntete geharnischte Proteste, als man 2014 mehr Wortbeiträge unter die Musik brachte. Und zur Klassik noch mehr Weltmusik- und Edel-Pop-Häppchen servierte. Inzwischen aber komme die erfrischte Mixtur beim Hörer gut an, heißt es jedenfalls aus der SR-Pressestelle.

Ans Grundkonzept will Zacher, die im Januar die Nachfolge von Friedrich Spangemacher antrat, darum auch gar nicht ran. Revolution heißt ohnehin nicht ihr Mantra, sondern "Emotionalität". Ein Wort, das sie gern nutzt. Mit "Emotionalität" will sie das verstaubte Image der Klassik aufwirbeln. Und dabei en passant auch das Durchschnittshöreralter, derzeit Ende 50, verjüngen.

Zu tun sei reichlich, konstatiert sie. Nein, das gelte nicht ihrem neuen Sender, sondern steht eher als Resümee unter der Gesamtlage der E-Musik in Deutschland. Zwar sei das ältere Publikum treu - ob im Konzertsaal oder vorm Empfänger -, aber es wachse viel zu wenig nach. Schon der Begriff Klassik wirke auf viele abschreckend. Schwere Musik eben, bei der man stundenlang still sitzen muss. Unverständlich für die neue SR-Frau, die als Flötistin auch das Ochestermusikerleben kennt.

"Kaum ein Hollywood-Blockbuster kommt ohne ein klassisches Werk aus, die Leute wissen es bloß nicht". Darum will Zacher ran an die potenziellen Hörer wie Konzertgänger - und quasi das Gegenteil beweisen. Da passt es, dass die Außenwirkung der Deutschen Radio Philharmonie (DRP) auch zu ihren Aufgaben zählt.

Die Radiofrau will alle Optionen nutzen - inklusive Facebook und Co. Das hat sie beim Privatradio verinnerlicht, wo der Hörer-Zuspruch harte Währung bedeutet. "Quote ist aber auch für uns interessant", meint Zacher. Denn die alte Formel vom Kultursender gleich Elitenfunk stimme längst nicht mehr. Wobei die Hamburgerin, die auch künftig zwischen Hamburg und Saarbrücken pendeln wird, gerade auch deswegen zum SR kam, weil es hier eben nicht bloß um Zahlen geht - sondern um so Hehres wie einen Programmauftrag.

Den nimmt die Deutsch-Brasilianerin ernst. Der Sender habe "schließlich ein Alleinstellungsmerkmal". Nach 20 Uhr, allerdings nicht gerade die hörerstärkste Zeit, sende das Kulturradio Mitschnitte von Konzerten, Opernaufführungen zuhauf, widme sich der Musik aus der Region. "Keiner macht das so intensiv wir wir", sagt Zacher. Da schwingt Stolz mit auf den neuen Arbeitgeber. Wie auch auf den größten Schatz der öffentlich-rechtlichen Kulturhorte überhaupt: die Aufnahmen der deutschen Rundfunkorchester. Für die Bänder hat Zacher bereits eine Digitalisierungsoffensive gestartet, um alles sendbar zu haben.

Genauso dick hat Bettina Zacher sich aber Musikvermittlung in ihrer Agenda notiert - auch das hat sie studiert. Und bei Klassik Radio für ein derartiges Projekt sogar 2012 den Deutschen Radiopreis gewonnen - man brachte tausende Hörer dazu, Schillers/Beethovens "Ode an die Freude" mitzusingen. Das darf man wohl durchaus exemplarisch für ihr Verständnis nehmen, dass der Hörer kein bloßer Abnehmer des Programms sein soll, sondern Mitgestalter - Hörer an die Macht sozusagen.

All das soll am Ende dazu führen, hofft Bettina Zacher, "dass die Leute einschalten und wissen, dass ist SR2 Kulturradio, das ist mein Sender". Ihrer ist es jedenfalls schon, das spürt man.