Heiße Reifen in Saarhollywood

Wenn Passanten ein Tatort-Drehteam auf einer Brücke entdecken, ist großes Aufsehen angesagt. Doch das ist nichts im Vergleich zu den 70er Jahren. Damals diente Saarbrücken oft als Kulisse für Fernsehserien, die heute nahezu in Vergessenheit geraten sind. Ein Schicksal, das vor allem auch „Autoverleih Pistulla“ ereilte – unser Beispiel.

Man könnte meinen, Michael Degott wäre in Hollywood aufgewachsen. "Wenn ich damals in der Stadt unterwegs war, bin ich immer wieder auf Dreharbeiten gestoßen." 1958 ist der Produktionsleiter von der Globe TV GmbH geboren und war ein Jugendlicher, als in den Saarbrücker Straßen die Kameras heiß liefen. Das war Ende der 60er, Anfang der 70er Jahre. Der Saarländische Rundfunk (SR) hatte noch die Muße, sich auf seine Produktionen für die ARD zu konzentrieren, da die dritten Programme gerade erst als Ideen für die Zukunft heranwuchsen oder wenigstens noch keine Vollprogramme waren. Damals wurden enorm viele Filme und Serien im Saarland gedreht. Degott will immer wieder auf "Fußballtrainer Wulff" (1972) zu sprechen kommen, kennt aber auch die Serie "Autoverleih Pistulla" (1974), um die es hier gehen soll. "Natürlich."

Schwierige Suche

Ausgerechnet Pistulla. Die meisten Protagonisten sind inzwischen verstorben. "Der Aufnahmeleiter ist tot, der Produktionsleiter ist tot", zählt Degott auf, der selbst zwar nicht direkt in Verbindung mit der Serie steht, dessen persönliches Interesse aber die SZ-Anfrage geweckt hat. Die 70er sind eben lange her. Drehbuchautor Bruno Hampel, der auch "Der Alte" mit Leben gefüllt hatte, ist 1996 in München gestorben, Hauptdarstellerin Eva Brumby 2002 in Hamburg.

Schwierig, jemanden zu finden, der noch Details zum Dreh verraten kann, zu den Drehorten zum Beispiel. Zum Mehrteiler "Wir pfeifen auf den Gurkenkönig" (1975) könnte Michael Degott den wichtigsten nennen: das Ludwigsgymnasium. Aber bei "Pistulla"? In den 13 Folgen taucht mehrmals die alte Front des Hauptbahnhofs auf, manchmal mit Passanten im Bild, die in Grüppchen seelenruhig den Schauspielern zuschauen. In Folge 3, "Die Bankräuber ", schleicht ein Ganove vor dem Ferrumhaus in der Mainzer Straße um ein Auto, das er stehlen will. Nur der Autoverleih selbst mit seinen markanten weißen Steinen im Vordergrund gibt ein Rätsel auf. Eine alte Tankstelle, die zur Verfügung stand?

Dieser Autoverleih ist der rote Faden in der Serie. Das Familienunternehmen mit einer Frau an der Spitze muss ständig mitansehen, wie die Kunden mit den Wagen Schabernack treiben. Dem Autonostalgiker im Fernsehsessel wird es in der ersten Folge heiß und kalt, wenn die blutjunge Fahranfängerin mit dem roten Ford Capri halsbrecherisch Traktoren überholt. Eine Folge später versucht ein Autoschieber, sich den fabrikneuen Citroën unter den Nagel zu reißen.

25 Minuten dauert jede Folge, die Schauspieler Günter Strack, Walter Sedlmaier und Kurt Schmidtchen geben sich bei Pistulla die Klinke in die Hand. Auftraggeber war die Werbefilm Saar, produziert hat die inzwischen liquidierte Telefilm Saar als Tochter des Saarländischen Rundfunks (SR) für das Vorabendprogramm der ARD , die die 13 Folgen 1974 ausgestrahlt hat.

Stück Geschichte

"Ein kleines Stückchen Geschichte", nennt Michael Degott von Globe Film Saar, einst Tochter der Telefilm, die Serien aus der damaligen Zeit. Sie sind gewissermaßen auch filmische Dokumente von Straßenzügen, Plätzen und Ähnlichem. Nun ist das im kleinen Saarland so eine Sache mit der Nostalgie, Einheimische erkennen sich in den Orten wieder. Dennoch stehen die Chancen auf eine erneute Ausstrahlung eher schlecht. Viele Dinge spielten hier zusammen, meint Degott. Die Sehgewohnheiten hätten sich dramatisch verändert. Eventuelle Restaurierungsarbeiten am Bildmaterial machten das Thema auch zu einer Kostenfrage. Das alles hält den Hessischen Rundfunk zwar nicht davon ab, seinen Serienklassiker "Familie Hesselbach" in der Nacht zu zeigen. Dem SR zum Vergleich stehe aber weniger Sendezeit zur Verfügung. Man muss sich das Dritte mit dem SWR teilen.

Wohl dem, der da auf Zufälle setzt. Denn ausgerechnet im Saarland gibt es eine Firma, die alte Serien auf DVD herausbringt. Manche werden ihren Namen vom unverkennbaren silbergrauen Streifen oben auf den Hüllen kennen: "Pidax" stammt aus Riegelsberg und hat sich auch "Autoverleih Pistulla" angenommen. Weiß Geschäftsführer Edgar Maurer, wo der Hauptdrehort war? Er verspricht am Telefon, gleich alle Hebel in Bewegung zu setzen. Aber dann muss auch er die Segel streichen. Es bleibt vorerst ein Geheimnis, wo der Autoverleih war. Wer die Vorabendserie "Autoverleih Pistulla" sich ansehen möchte, kann auf die DVD-Box zurückgreifen. Je nach Geschäft und Versandhandel kostet sie ab etwa zehn Euro. Herausgebracht hat die Box der Film- und Hörspielverlag Pidax mit Sitz in Riegelsberg.

Wer kurz hineinschauen möchte, findet manche der Folgen auf Youtube. Die zum Teil einstelligen Aufrufe verraten, wie wenig Leute die Serie noch kennen. Insidertipp!

pidax-film.de

 Helga Pistulla, die Hauptfigur der Serie, mimte Eva Brumby. Sie ist 2002 in Hamburg gestorben.Filmautos mit Saarbrücker Kennzeichen, das ist inzwischen selten. Bei „Pistulla“ gibt es sogar auch „MZG“. Spielen in fast allen Folgen mit: Paul Schmidtchen, Angela Pschigode und Cornelia Meinhardt (von links).
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 Der fiktive Autoverleih war der rote Faden in den 13 Folgen. Für Saarländer ist die Serie ein kleines Ratespiel: Wo war das da? Fotos: Pidax
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 Für Nostalgiker ein Augenschmaus: Regine Lamster und Oliver Collignon sind in ihrer 70er-Mode noch frei von jedem Retroschick.
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 Mit Seltenheitswert Anfang der Siebziger: Das Skript sah eine Frau als Firmen-Chefin vor.
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 Sorgte für Pfiff: Paul Schmidtchen als „Schaschlik-Paul“.
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