Glücklich mit einem Massenmörder?

Wie schwer es ist, eine politische Situation von außen zu beurteilen, erleben wir gerade bei Syrien. Vor bald 40 Jahren feierten schwedische Intellektuelle das kommunistische Experiment in Kambodscha und übersahen dabei einen Massenmord. Die aus Saarbrücken stammende Schauspielerin Anne Hoffmann beleuchtet in „Pol Pots Lächeln“ diese Verblendung.

1978 reiste eine schwedische Delegation linker Intellektueller nach Kambodscha. Sie wollten sich ein eigenes Bild machen von dem leidgeprüften Nachbarland Vietnams, das die Roten Khmer und ihr Führer Pol Pot vom französischen Kolonialismus und einem korrupten Regime befreit hatten, um einen mustergültigen kommunistisch-maoistischen Bauernstaat aufzubauen. In ihrem Reisebericht schrieben sie vom "Aufbau" und von glücklichen Menschen. Was sie nicht wahrnahmen, war die Schreckensherrschaft der Roten Khmer, der um die 1,7 Millionen Kambodschaner, fast ein Viertel der Bevölkerung, durch Hunger, Zwangsarbeit und Hinrichtungen zum Opfer fielen.

Vom Buch zum Theater

Wie konnte die Delegation - und mit ihr Teile der westlichen Linken - damals nur so blind sein, "Pol Pots Lächeln" so auf den Leim gehen? Dieser Frage geht der schwedische Journalist Peter Fröberg Idling (Jahrgang 1972) in seinem gleichnamigen Buch nach. Und ebenso Anne Hoffmann. Denn die Wahl-Berliner Schauspielerin, die das Buch im Gepäck hatte, als sie 2014 zum "Überwintern" nach Kambodscha reiste, war davon so begeistert, dass ihr schon auf der Heimfahrt klar war: "Daraus mache ich ein Stück!" Am 5. Januar gastiert sie mit "Pol Pots Lächeln oder Recherchen zum guten Glauben" in der Sparte 4 des Staatstheaters.

"Ich wollte es unbedingt in Saarbrücken zeigen", sagt die 33-Jährige und strahlt. Denn für Hoffmann wird es ein Heimspiel. In Saarbrücken ist sie nicht nur geboren und aufgewachsen, hier hat sie ihre große Leidenschaft fürs Theaterspielen entdeckt. "Angefangen hat es mit der Schultheater-AG im Gymnasium am Rotenbühl mit unserem Lehrer Peter Eckerle, zweimal die Woche vier Stunden, das war sehr intensiv", sagt sie. Mit 14 stand ihr Berufswunsch bereits fest, mit 17 wechselte sie in den Überzwerg-Jugendclub, begann 2003 in Leipzig Schauspiel zu studieren. Gleich nach dem Diplom war sie vier Jahre fest am Theater Darmstadt engagiert, bekam große Titel-Rollen wie Fräulein Else oder die Heilige Johanna der Schlachthöfe.

Mal was ausprobieren

"Aber das war mir nicht genug, ich wollte mehr ausprobieren, was Anarchischeres", sagt die Schauspielerin. Also stellte sie mit Ensemble-Kollegen einmal monatlich eine verrückte improvisierte "Late-Night-Show" auf die Beine. Dann gab sie das Festengagement auf, um sich eine Zeit lang frei(schaffend) und selbstbestimmt zu probieren.

"Pol Pots Lächeln" ist die zweite freie Produktion, die Anne Hoffmann unter ihrem Label Hoffland selbst mitentwickelt hat. Zusammen mit Regisseurin Ruth Messing hat sie das 370 Seiten dicke Buch "eingedampft", dazu selbst recherchiert und Zeitzeugen befragt, die damals im guten Glauben die Roten Khmer aus der Ferne unterstützt haben. Ebenso wie Idling gehe es ihr nicht darum, zu verurteilen, vielmehr darum, Fragen zu stellen und das Geschehene aus den vielen verschiedenen Perspektiven zu beleuchten, betont Hoffmann, die auf der Bühne unter 13 Glühbirnen ihre Rollen- und Sichtwechsel vollzieht.

Wie schwer es sei, eine politische Situation zu durchschauen, zeige sich doch jetzt an Syrien, meint sie. Insofern seien Idlings Fragen zur Wahrnehmung sehr aktuell. Dass Hoffmann für die Konzeptentwicklung ein Stipendium des Senats erhielt, ist für Berliner Verhältnisse schon eine Art Auszeichnung.

Denn angesichts der vielen Künstler und der knappen Mittel gebe es in der Hauptstadt "ein Hauen und Stechen um die Gelder", sagt sie seufzend. Auch auf sich aufmerksam zu machen, sei dort viel schwieriger in Anbetracht von mindestens 30 Theaterstücken, die allabendlich um Publikum buhlen. In der Sparte 4 wird es Donnerstag auf jeden Fall voll. Über zwei Drittel der Karten, hat sie erfahren, sind schon verkauft.

"Pol Pots Lächeln" heute, 20 Uhr, Sparte 4, Eisenbahnstraße, Saarbrücken . Karten: Tel. (06 81) 30 92-486.

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