Glocken erklingen bald in Prag

Ein großes Loch klafft nun im Turm der ehemaligen evangelischen Kirche in Quierschied, denn gestern wurden die Glocken entfernt. Sie sollen bald in einer Prager Renaissancekirche erklingen.

Die Tür geht zu, ein trauriger Blick folgt, dann sind die Glocken weg. Trotz aller Wehmut gab sich Pfarrer Hans-Lothar Hölscher optimistisch: "Diese Glocken werden wieder läuten". Genauer gesagt werden die metallenen Signalgeber bald in Prag wieder erklingen. Da das ehemalige evangelische Gotteshaus in Quierschied im November 2010 entwidmet wurde und ein Verkauf nur rechtens ist, wenn das Gebäude nicht mehr als Kirche zu erkennen ist, wurde so mit dem Rückbau begonnen.

Ein großes Loch klafft nun im Turm. Dies wurde von einer Glockengießerei geschlagen, damit man die Glocken heraushieven konnte. Mit einem Kran hatten Mitarbeiter eines Zweibrücker Unternehmens von der Bodelschwinghstraße aus die Glocken zu einem Sprinter manövriert. Dort warteten zwei Mitarbeiter eines tschechischen Unternehmens, die sich nach getaner Arbeit sofort Richtung Prag aufmachten.

Ganze 30 Meter musste der Kran überbrücken, was aber problemlos gemeistert wurde. Überhaupt lief die ganze Prozedur bemerkenswert problemfrei ab, "geradezu generalstabsmäßig", wie Baukirchmeister Wolfgang Kallenbach es ausdrückte. Innerhalb von knapp 30 Minuten waren die vier Glocken am Boden, in einem Zeitraum also, der weitaus niedriger als vorher veranschlagt war. Die größte der Glocken, die bei Sterbefällen geläutet wurde, wiegt 610, die kleinste 205 Kilogramm und wurde bei Taufen eingesetzt.

Die Glocken gehen an die "evangelische Kirchengemeinde der Böhmischen Brüder Salvator-Prag 1". Dort zieren sie dann die Salvatorkirche, einen Renaissancebau. Bedingung für die Schenkung war, dass der Transport selbst bezahlt werden musste. Zustande gekommen war der Kontakt über ein Inserat im zuständigen Amtsblatt. Nun wird bald eine Fahrt organisiert, damit sich Vertreter der beiden Kirchengemeinden auch persönlich kennenlernen.

Das Spektakel am frühen Morgen hatte auch ein knappes Dutzend Schaulustige angelockt. Bernd Brotschar konnte sich sogar noch daran erinnern, wann die Glocken eingesetzt wurden. Es war 1959 und er selbst in der neunten Klasse, als man das neue Geläut mit einem kleinen Umzug feierte. "Die Wagen, auf denen sich die Glocken befanden, waren teilweise mit Girlanden geschmückt", erinnert er sich. Seiner Frau Gisela kamen Gedanken an den letzten Gottesdienst in den Sinn, rappelvoll sei er gewesen, viele Leute sehr traurig. Ein wenig traurig habe sie der Abtransport auch gemacht, letztendlich freue sie sich aber darüber, dass die tschechische Kirchengemeinde nun bald wieder Glocken haben wird.

 Mit dem Kran wurden die Glocken über 30 Meter transportiert. Fotos: Stefan Bohlander
Mit dem Kran wurden die Glocken über 30 Meter transportiert. Fotos: Stefan Bohlander
 Arbeiter einer tschechischen Firma bringen die Glocken nach Prag.
Arbeiter einer tschechischen Firma bringen die Glocken nach Prag.

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StichwortEin Saarbrücker Ehepaar hat das ehemalige Gotteshaus der evangelischen Kirchengemeinde Fischbach-Quierschied für privaten Nutzen gekauft. Der Glockenturm wird im Mai gesprengt, ein genauer Termin steht noch nicht fest. bo