Gesellschaftskritik – hart und doch witzig

Theater mit Jugendlichen hat gute Tradition im Theater im Viertel (TiV), ebenso die Beschäftigung mit dem Thema Flüchtlinge. Beides verbindet nun das Stück „Stuttgart.Teheran.Dialog“.

Eine interkulturelle Jugendbühne in Kooperation mit Partnerorganisationen plant Dieter Desgranges, künstlerischer Leiter des TiV. Bei der Suche nach geeignetem Stoff stolperte er über ein autobiografisch geprägtes Schauspiel der iranischen Autorin Reihaneh Youzbashi Dizaji, das ihm so gut gefiel, dass er es jetzt schon inszeniert hat: Am Samstag feiert, als Koproduktion mit dem Deutsch-Ausländischen Jugendclub (DAJC), das Stück "Stuttgart .Teheran .Dialog" Premiere (für Zuschauer ab 14).

Für das ursprünglich als Solo konzipierte Stück reichte die Autorin, die zur Premiere anreisen möchte, eine Chorfassung nach, die das TiV als gestraffte Werkstattaufführung zeigt - wegen seiner komplizierten Erzählstruktur lasse das Stück kaum Raum für Spielerisches, erklärt Desgranges. Chorfassung? Um Missverständnissen vorzubeugen: Hier wird nicht gesungen. Gemeint ist vielmehr ein Chor wie im antiken griechischen Drama, dessen strenges Konzept Desgranges jedoch aufweicht: Er lässt die Jugendlichen nur selten synchron sprechen, damit es nicht allzu statisch wirkt, und verteilt den Text auf einzelne Stimmen, die das Geschehen kommentieren und hinterfragen.

Die Jugendlichen für den Chor hat der DAJC vermittelt. Sie sind zwischen 14 und 18 Jahre alt, haben ihre Wurzeln in Afghanistan, Pakistan, Lybien, dem Iran und der Dominikanischen Republik und leben teils erst seit zwei Jahren in Deutschland. In der Schülerhilfe des DAJC betreut werden sie von der Studentin Jasmin Charoensuk, die kurzfristig als Schauspielerin eingesprungen ist. Seine Hauptdarstellerin fand Desgranges auf Empfehlung des befreundeten iranischen Regisseurs Nima Nematizade: Die achtzehnjährige Ariane Teymouri, Schülerin am Deutsch-Französischen Gymnasium, schlüpft in die Rolle der jungen Frau, die hier in Rückblicken ihr Leben erzählt.

Sam, so heißt die Protagonistin, ist aus Teheran nach Istanbul geflüchtet, um einer Zwangsheirat zu entgehen. Nach und nach erfährt man, dass sie im Alter von acht Jahren mit ihren Eltern in einem Stuttgarter Asylantenheim landete. Sam wuchs in Schwaben auf, verbrachte die Ferien jedoch stets bei ihren Großeltern in Teheran . Die Schilderung des unterschiedlichen Alltags erlaubt komische Momente, bespiegelt jedoch zugleich Einschränkungen weiblicher Selbstbehauptung und bietet damit Raum für interkulturelle Gesellschaftskritik - hart und doch witzig. Erzählt Sam anfangs aus der Sicht des naiven Kindes, so wird ihre Haltung mit zunehmendem Alter immer bewusster. Am Ende die Erkenntnis, dass sie zwei Heimaten hat, aber kein Zuhause.

Premiere: Samstag, 27. September, 19 Uhr, Theater im Viertel. Wieder: 4. Oktober. Karten unter Tel. (06 81) 3 90 46 02.