Gänsehaut in der Transit-Zone

Es ging um Flüchtlinge, Nazis, alte und neue Kriege – und um den Frieden. Einen Abend lang zeigten kreative Köpfe Ideen zu den großen Themen unserer Tage. Sie trugen knisterndes Leben an einen spannenden Ort.

Nichtsahnend stehen 200 Menschen am Freitagabend in der sogenannten Koloss-Halle des Clubs Römerkastell. Da stoßen plötzlich zwei Männer mit Getöse das Tor auf. Ein Kleinwagen mit Hakenkreuz-Emblem braust herein, als wolle er Amok fahren. Während Hitler aus dem Lautsprecher von der "Bewegung" schwadroniert, springt der Fahrer aus dem Auto und schreit durch ein Megaphon: "Was glotzt ihr so? Wir haben schon immer gewonnen, wir werden auch die Zukunft gewinnen."

Ein echter Überraschungscoup gelang der Künstlergruppe um Giovanni d'Arcangelo und Philip Neumann. Ihr Blitz-Auftritt als (Neo-)Nazis, der mit Chaplins flammender Schlussrede für den Sieg der Vernunft und der Freiheit aus dem Film "Der große Diktator" endet, war nicht der einzige Beitrag zum Kunstparcours "Transit-Zone", der für Gänsehaut sorgte. Über ein halbes Dutzend Kunstaktionen zum Thema "Krieg und Frieden" konnte man an diesem Abend auf einem Parcours durch die verschiedenen Räume des Clubs Römerkastell erleben.

Einige davon hatten 25 junge Leute aus Montenegro, Kroatien, Deutschland und Frankreich bei einem einwöchigen Seminar in der Europäischen Akademie Otzenhausen kreiert. Sie zeigten ein buntes Schattenspiel, begleiteten die Besucher als mysteriöse weiße Gestalten, überraschten die Besucher etwa in der Paranoia-Bar: Wie Flüchtlinge tauchten sie da aus der Dunkelheit auf und drückten sich von außen gegen die Scheiben. Zu ihnen gesellten sich bei diesem Abschluss-Event eine Reihe weiterer Künstler. Der Abend, der die Möglichkeiten der Räume dramaturgisch hervorragend ausnutzte, begann und endete mit der Saarbrücker Formation "Die Redner". Sie beeindruckten im Clubraum mit einem Auszug aus ihrem Programm "response.UN.ability", das sie um ein Konterfei von François Hollande und seinen Worten von "Krieg" gegen Frankreich aktualisiert hatten. Extra für diesen Abend hatte auch die Saarbrücker Band Joel Becks & Das Nathan Birnbaum Trio einen neuen Song über den Massenselbstmord der Sektenmitglieder beim Johnstown Massacre beigesteuert, obwohl man sonst nicht politisch sei, wie Frontman Becks erklärte.

Unter die Haut ging die Geschichte vom Opa, die die Saarbrücker Poetry Slammerin Laura Weidig in Gummistiefeln mitten in einem Schmuddelwasserbecken stehend rezitierte: Alles mögliche hatte der Opa zeitlebens von seinen Weltkriegserlebnissen erzählt- nur nicht, dass er ein glühender Nazi und Kriegsverbrecher gewesen war. Berührend der Rapper Dineo MC aus Reims, der sich in seinem neuesten Song den Opfern der Pariser Anschläge widmete. Kraftvollen HipHop bot die Pirmasenser Mädchen-Tanzgruppe WHO. Am Ende dieses rundum gelungen Abends zu einem brisanten Thema hieß es: Tanzen für alle.