„Fußgängerzonen werden kleiner“

Handel ist nicht nur Wandel, sondern auch Wandern. Er wandert von den Dörfern in die Unterzentren, von dort in Mittelzentren und am Ende nach Saarbrücken. Und von überall ins Internet. Zeit für Depression? Nein, sagt der renommierte Saarbrücker Universitäts-Professor Dr. Dr. h.c. Joachim Zentes, Direktor des Institutes für Handel & Internationales Marketing. Attraktive Geschäfte werde es immer geben. Das Interview mit Zentes im Rahmen der SZ-Serie Handel im Wandel führte SZ-Redakteur Peter Wagner.

Herr Professor Zentes, in den 1970er Jahren haben die deutschen Städte Bundeszuschüsse bekommen, um Fußgängerzonen zu bauen. Sie sagen nun voraus, dass es demnächst Geld für die Rückbauten gibt. Warum?

Joachim Zentes: Der Online-Handel nimmt dramatisch zu und wird zu einer immer größeren Bedrohung für den Handel in den Städten, aber auch auf den so genannten "Grünen Wiesen".

Wie stark wächst der Internet-Handel?

Zentes: Heute haben wir über alle Non-Food-Warenbereiche (das heißt, alles, was nicht Lebensmittel ist, die Redaktion) hinweg einen Anteil von unter zehn Prozent, wir erwarten einen Anteil von 25 Prozent im Jahr 2025. Lebensmittel werden sich stationär halten, aber es gibt heute schon Warengruppen wie Bücher, Musik und Elektronik, die es auf Anteile von 40 Prozent im E-Commerce gebracht haben. Und eine Branche nach der anderen wird im Netz aktiv, derzeit werden Möbel, Einrichtungsgegenstände und Baumarkt-Artikel internetfähig.

Und was hat das mit den Fußgängerzonen zu tun?

Zentes: Nun, wenn der stationäre Handel 25 Prozent Umsatz verliert, dann sind, vereinfacht gesagt, auch 25 Prozent Ladenfläche zu viel da. So viele Leerstände können sie nicht zu Kunstateliers umrüsten oder mit schönem Papier zuhängen. Die Städte und Gemeinden brauchen Konzepte, was sie mit den 25 Prozent überschüssiger Fläche machen. Fußgängerzonen werden also kleiner, 500 Meter statt 1000 Meter vielleicht. Es gibt idealerweise eine neue Balance aus Handel, Gastronomie, Grünfläche und vor allem Wohnen. Der Trend zum Wohnen in den Innenstädten kommt da gerade recht. Für Saarbrücken hieße eine Herausforderung, dieses gesuchte neue Wohnen offensiv in die Stadt zu holen. Vielleicht in die vierten und fünften Stockwerke der Bahnhofstraße? Wir raten jedenfalls allen Kommunen: Hütet euch vor zusätzlichen Ansiedlungen von Handelsflächen, auch wenn sie auf den ersten Blick verlockend wirken.

Wie können die kleineren saarländischen Städte und die Gemeinden den Trend stoppen, dass immer mehr Läden schließen?

Zentes: Gar nicht. Ich bin äußerst skeptisch, was den Handel in den Dörfern und Stadtteilen betrifft. Er ist immer schwerer aufrecht zu erhalten. Hier verliert er sogar 40 und mehr Prozent Umsatz, und zwar an die nächst größeren Orte und ans Internet . Sogar innerhalb des Oberzentrums Saarbrücken zieht der Handel aus Burbach und Malstatt in die City, und innerhalb der City ist die Tendenz zu den Spitzenlagen Bahnhofstraße und St. Johanner Markt unverkennbar. In den 1-b-Lagen Sulzbachstraße oder Futterstraße müssen die Läden schon kämpfen, in der Kaiserstraße ist der Kampf so gut wie verloren. Ebenso in Völklingen, das zwischen Saarbrücken und Saarlouis zerrieben wird. Das betrifft den gesamten Non-Food-Sektor.

Mancherorts werden kooperative Nachbarschafts- oder Dorfläden ohne Gewinnabsicht gegründet, um die Versorgung der Leute mit Waren des täglichen Bedarfs aufrechtzuerhalten.

Zentes: Ich sehe das sehr respektvoll, aber karitative Supermärkte sind eher folkloristisch und nicht die Zukunft. Sondern es wird mobile Lieferdienste geben, die auf den Defiziten aufbauen und profitabel arbeiten. Ich prophezeie, es wird kein einziger Saarländer verhungern, selbst wenn die letzte "Tante Emma" geschlossen haben wird.

Sie wollen ihre Analysen nicht als Schwarzmalerei verstanden wissen?

Zentes: Im Gegenteil, 75 Prozent des Handels bleiben ja stationär, es besteht also kein Grund zu Resignation und Depression. Erlebbare Ware, Einkaufserlebnisse, schöne Präsentation und erstklassige Beratung sind immer gesucht. Auf Dauer kommt der stationäre Handel nicht um Profilierung herum. Er muss seine Attraktivität stärker unter Beweis stellen. Zum Beispiel kann er auch überlegen, wie er am E-Commerce teilhat. Ein Ansatz ist etwa der sogenannte Cross-Channel-Handel, wo die Ware beispielsweise im Netz bestellt und im Laden abgeholt wird. Oder im Laden probiert, im Netz bestellt und per Post geliefert.

Oft wird eingewendet, im Internet-Handel werde nichts verdient.

Zentes: In der Tat verlieren derzeit zahlreiche große Internet-Händler mit steigenden Umsätzen immer mehr Geld. Es wäre aber falsch zu glauben, sie seien deshalb rasch am Ende. Es ist genug Kapital in der Welt, das diese Handelsform unterstützt. Wir gehen nicht davon aus, dass das zusammenbricht. Im Gegenteil, Internethandel wird immer besser, es gibt extremes Wetteifern der Anbieter, etwa was Schnelligkeit betrifft. Die ersten liefern bereits am Tag der Bestellung.

Professor Zentes, Sie sind ein bekennender treuer Kunde des stationären Handels. Macht er seine Sache im Saarland alles in allem denn gut?

Zentes: Ja, es gibt viele erstklassige Geschäfte , vor allem in den Städten. Ehrlich gesagt wird es aber vielen Läden in der Provinz schwerfallen, die steigenden Anforderungen der Kunden bei Auswahl, Ambiente, Atmosphäre und Personalqualität zu erfüllen. Es reicht auch nicht, alle fünf Jahre den Maler zu holen. Ein Laden muss in kurzen Zyklen investieren und renovieren, und leider sieht man viel zu oft noch tote Mücken in den Schaufenstern. Das geht gar nicht, schon gar nicht beim Bäcker.

 Menschen wird es auch künftig in die Städte ziehen, sagen Experten. Archivfoto: Jan Woitas/dpa
Menschen wird es auch künftig in die Städte ziehen, sagen Experten. Archivfoto: Jan Woitas/dpa

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Zur PersonUniversitäts-Professor Dr. Dr. h.c. Joachim Zentes, geboren 1947, ist seit 1991 Inhaber des Lehrstuhls für Betriebswirtschaftslehre, insbesondere Außenhandel und Internationales Management , der Universität des Saarlandes , Direktor des Europa-Instituts, Sektion Wirtschaftswissenschaft, und Direktor des Instituts für Handel & Internationales Marketing der Universität des Saarlandes . Er gilt bundesweit als Experte für Entwicklungen des Handels und ist in zahlreichen Ländern gefragter Gastprofessor. wp