Fluchtkoffer statt Schulranzen

Fremde Menschen suchen bei uns Hilfe und Zuflucht. Es gab aber Zeiten, da waren die Saarländer auf der Flucht. Wurden evakuiert, abtransportiert in für sie unbekannte Gegenden, wo sie oft überhaupt nicht willkommen waren. Wir haben einige der letzten Zeitzeugen gebeten, über ihre Erinnerungen zu berichten. Die Evakuierung 1939 erlebten sie als Kinder und Jugendliche.

"Hungern? Nein, wir mussten nicht hungern - wir haben Lebensmittelkarten gehabt und bekamen genug zu essen", berichten die Teilnehmer unserer Gesprächsrunden im Langwiedstift und im Altenheim am Schloss. Auch "Hamstern" wie bei Kriegsende und in der Nachkriegszeit war nicht angesagt.

Aber ein anderes Dilemma kam zur Sprache: Zahllose Schullaufbahnen sind durch die Evakuierung gekippt worden. Lieselotte Mück, 1922 in Malstatt geboren - sie lebt im Altersheim am Schloss - war bei der Evakuierung 16 Jahre alt. Sie musste mit ihrem kleinen Köfferchen auf die Reise ins Unbekannte gehen - und aus war es mit der Mittleren Reife. Lieselotte Mück hat übrigens der Runde beim Treffen ein während der Evakuierung von Saarländern verfasstes Gedicht vorgetragen, sie hat es seither unauslöschlich im Kopf: "Wo werre se dann allegar stecke, die Leit aus alle Saarbrücker Ecke, aus Burbach, Molsch und St. Johann - ach Gott, wo huckt die ehrlich Rass aus der Altneu- und Linsegass? Sie sinn verstreit in alle Orte, in Oste, Süde, West - und Norde", heißt es am Anfang. Für die weiteren Strophen reicht uns der Platz nicht, aber am Ende heißt es: "Mir waade bis es heischt ‚Hurra', jetzt geh mir widder an die Saar."

Übrigens hat Lieselotte Mück auch ohne Mittlere Reife Glück gehabt: Während der Evakuierung konnte sie eine Ausbildung machen und hat später beim Telegrafenamt in Saarbrücken gearbeitet. Ihre Katastrophe kam später: Sie gehörte zu den Opfern beim Einsturz des Bunkers am Beethovenplatz, in den sich bei einem Angriff alle Mitarbeiterinnen ihres Amtes geflüchtet hatten. Sie überlebte, die meisten anderen nicht.

Erinnerungen auch, die unauslöschlich sind: Manche Saarländer hat das Schicksal bei der Evakuierung in total zurückgebliebene deutsche Gegenden verschlagen. "Wir haben gedacht, so könnte es in Sibirien sein", erzählt eine Frau. "Die waren so stockkonservativ - da haben die Mädchen auch im Sommer bis zum Hals und bis zu den Handgelenken verhüllt sein müssen, und gewaschen haben sie nur Gesicht und Hände." Fast alle berichten, dass mit dem Älterwerden auch die Erinnerungen wieder lebendig wurden und dass irgendwann der Punkt gekommen sei, wo sie unbedingt die Stätten ihrer Zeit in der Evakuierung nochmal sehen wollten. Sie haben die Dörfer und Städtchen wieder besucht, teils sogar Menschen getroffen, an die sie sich erinnern konnten.