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„Fettarme Ernährung ist keine Lösung“

Saarbrücken. Die Diskriminierung von jungen Menschen mit hohem Übergewicht ist das Thema eines Symposiums des Roten Kreuzes und des Landessportverbands am Samstag. SZ-Redakteurin Ute Klockner sprach vorab mit dem Referenten Professor Jens Möller, Chefarzt für Kinder- und Jugendmedizin am Klinikum Saarbrücken.

Was sind die Ursachen für Übergewicht bei Kindern?

Möller: Neben schlechter Ernährung und fehlender Bewegung sehe ich eine Ursache für Übergewicht bei Kindern auch in ihrer Überforderung durch einen straff durchgeplanten Alltag. Das erzeugt Stress. Ist der Mensch unter Psychostress, braucht das Gehirn Glukose, kann sich diese aber - anders als beim Sport - nicht aus dem eigenen Körperfett holen. Es folgt der Gang zum Kühlschrank. Ein Problem sind auch die vielen kleinen Mahlzeiten am Tag. Schreienden Kleinkindern wird Puffreis oder Brötchen gegeben. Das ist eine zu hohe Kohlenhydrataufnahme. Dabei haben Kinder eher Durst als Hunger.

Was können Eltern tun?

Möller: Sehr wichtig ist, selbst ausgewogen zu kochen und Fertigprodukte zu vermeiden. In ihnen stecken verborgene Appetit-anreger, etwa Traubenzucker in Fleischprodukten oder Glutamat in der Pizza. Oft greifen gerade sozial ärmere Schichten auf Fertigprodukte zurück, weil die Eltern nicht kochen können. Studien zeigen auch die Wichtigkeit gemeinsamer Mahlzeiten in der Familie. Gutes Essen muss aber auch schmecken, das geht ohne Fett nicht. Fettarme Ernährung ist daher keine Lösung. Ebenso wenig wie Verbote. Ein weiteres Problem ist die mangelnde Bewegung im alltäglichen Leben. Kinder werden zur Schule gefahren, anstatt selbst zu laufen.

Wird das Problem zu lange verharmlost?

Möller: Ja. Die drohende Übergewichtigkeit wird vor Schulbeginn von Eltern und pädagogischem Personal nicht erkannt. Es gibt im Kindergartenalter zu wenige Vorsorgeuntersuchungen, die auch auf das Gewicht achten. Ich plädiere daher sehr dafür, Schuleingangsuntersuchungen weiter durchzuführen. In diesem Alter können noch besser als bei Jugendlichen Verbesserungen erzielt werden.

Dicke Kinder werden oft diskriminiert. Worunter leiden sie besonders?

Möller: Durch die Ausgrenzung werden diese Kinder tief depressiv und antriebslos, vor allem im Schulkindalter. Sie brauchen Psychotherapie. Abnehmprogramme gelingen besser, wenn sie Eventcharakter bieten. Die Diskriminierung kommt aber nicht nur von den Mitschülern, sondern mitunter auch von Lehrern, die sagen: "Das kann der sowieso nicht." Ich rate auch von Projekten ab, wie es sie an einer Schule im Saarpfalzkreis gibt, wo eine Extra-Sportstunde für Dicke angeboten wird. Das ist für die Gesundheitsförderung sicher gut, aber grenzt die Kinder aus.