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„Etwa ein Drittel der Bevölkerung denkt rassistisch“

Klaus Farin ist Mitbegründer und Verlagsleiter des europaweit einzigartigen Archivs der Jugendkulturen in Berlin. Morgen ab 11 Uhr hält er in der Saarbrücker Arbeitskammer einen Vortrag über Rechtsextremismus in Jugendkulturen. Über dieses Thema sprach er vorab mit SZ-Mitarbeiterin Carmen Altmeyer und erklärte auch, was dagegen getan werden kann.

Herr Farin, warum wenden sich Jugendliche rechtsextremen Ideologien zu?

Farin: Das wichtigste Thema in der rechten Szene ist ja Rassismus. Rassismus ist aber auch in der Gesellschaft generell weit verbreitet. Wir wissen, dass etwa ein Drittel der Bevölkerung so denkt, nicht nur in Deutschland, da gibt es in anderen europäischen Staaten ähnliche Forschungsergebnisse. Viele bringen das rechte Gedankengut schon aus dem Elternhaus mit und lernen das nicht erst als Jugendliche. Generell weiß man, dass das immer mit eigenen biographischen Erfahrungen zu tun hat, also letztendlich mit Menschen, die nicht selbstbewusst und unglücklich sind, keine Perspektive haben und das Gefühl haben, ihre Lebensumwelt nicht selbst beeinflussen zu können.

Gibt es Jugendszenen, die besonders häufig rassistisch und rechtsradikal geprägt sind?

Farin: Man kann die rechte Szene selbst als Jugendszene sehen, aber ansonsten gibt es keine einzige Jugendkultur, die sozusagen rechts dominiert wird. Jugendkulturen sind letztendlich ein Seismograph der Gesellschaft, also gibt es in allen auch rechtes Gedankengut. Das hat dann im Kern gar nichts mit den Jugendkulturen selbst zu tun, sondern damit, dass die, die rassistisch denken, eben trotzdem Hip-Hop hören können.

Bei uns im Saarland spielen rechte Jugendliche auch im Fußball eine Rolle - Stichwort FCS-Fanclub Saarland-Brigade. Für wie verbreitet halten Sie diese Entwicklungen?

Farin: Fußball als eher chauvinistischer Männersport war immer schon ein Einzugsfeld für die rechte Szene. Es gibt schon lange rechte Organisationen, die in der Fußballszene Fuß gefasst haben. Das ist allerdings kein Massenphänomen. Es gibt inzwischen mehr Fußballfans und gerade auch Ultras, die sich gegen Rechte wehren, das sieht man im Stadion ja sehr häufig. Das Problem ist, dass die Rechten, vielleicht gerade weil sie in der Minderheit sind, seit einiger Zeit deutlich militanter auftreten. Wie wir das ja in einigen Bundesligaspielen erlebt haben, in Aachen oder etwa in Köln, wo die Rechten massiv gewalttätig gegen andersdenkende Ultras vorgegangen sind.

Wie engagieren Sie sich im Archiv der Jugendkulturen konkret gegen Rechtsextremismus?

Farin: Unser Kern ist, dass wir das überhaupt erforschen. Es gibt quasi kaum Szeneforschung in Deutschland, auch diese vielen Rechtsextremismus-Experten reden in der Regel nicht mit Rechten, die gehen nicht auf rechte Konzerte oder machen Interviews, sondern bleiben an ihrem Schreibtisch. Wir versuchen, direkt vor Ort zu recherchieren, und wir machen auch Projekte. Da gibt es zum Beispiel das Projekt "New Faces" zum Antisemitismus in der Einwanderungsgesellschaft oder "Culture on the Road", da sind wir an rund 80 Tagen im Jahr unterwegs, auch regelmäßig im Saarland, und machen mit Szeneleuten, die selbst für Toleranz stehen, also Gruftis, Punks, Skins, et cetera, Workshops mit Jugendlichen. In den Workshops geht es um Toleranz, Gewalt und ähnliches. Die Jugendlichen zeigen, man kann zum Beispiel Skinhead sein, ohne rechts zu sein. Außerdem machen wir Workshops zum Thema Rassismus und führen Argumentationstrainings für Schüler durch, zum Beispiel im Rahmen von "Schule gegen Rassismus".