„Es muss noch sehr viel passieren“

Fast 30 Jahre lang war Wolfgang Gütlein als Landesbehindertenbeauftragter im Einsatz. Die Gesellschaft sei toleranter gegenüber behinderten Menschen geworden, sagte er. Dennoch bleibe viel zu tun.

Zehn Sozialminister hat Wolfgang Gütlein kommen und gehen sehen. Jetzt, nach fast 30 Jahren als Landesbehindertenbeauftragter, ist er selbst an der Reihe. In einer Feierstunde mit rund 200 Gästen aus Politik und Gesellschaft ist der 64-Jährige, der zum 31. Dezember in den Ruhestand geht, gestern im Landtag verabschiedet worden.

Gütlein, der bundesweit dienstälteste Landesbehindertenbeauftragte, habe in Sachen Barrierefreiheit, Inklusion und Gleichstellung von Behinderten viele Wege geebnet und über 100 Projekte umgesetzt, würdigte ihn Sozialministerin Monika Bachmann (CDU ). In seine Amtszeit falle die saarländische Verfassungsänderung, dass niemand wegen seiner Behinderung benachteiligt werden darf, die Gründung des Landesbehindertenbeirats und die Etablierung der kommunalen Behindertenbeauftragten.

"Du hast vielen Politikern den Mut gegeben, unbefangen mit Menschen mit Behinderung umzugehen. Sonst wären wir bei den Themen Teilhabe und Inklusion noch nicht so weit", sagte Wirtschafts-Staatssekretär Jürgen Barke (SPD ). Dabei sei Gütlein nie mit dem "belehrenden Zeigefinger" aufgetreten. Lob auch von Landtagspräsident Klaus Meiser (CDU ): "Wolfgang Gütlein hat seine Themen nie militant und fanatisch vertreten, sondern ist sie sehr locker und pragmatisch angegangen. Du hast in der Frage des Umgangs miteinander die größten Verdienste in diesem Land."

Als Gütlein, der seit einem Schwimmbadunfall im Sommer 1971 im Rollstuhl sitzt, sein Amt 1987 antrat, fand er im Ministerium keine Strukturen vor: "Es gab noch nicht mal eine Arbeitsplatzbeschreibung", sagt er. Als Landesbehindertenbeauftragter arbeitete er an neuen Gesetzen und Verordnungen mit, beriet Politiker und Verbände und war Vermittler.

Die Gesellschaft habe sich in den Jahrzehnten gewandelt und sei nun toleranter gegenüber Behinderten, findet er. Vorbei seien die Zeiten, in denen noch Ende der 80er Jahre Gerichte Klägern Schadenersatz zusprachen, weil in der Ferienanlage auch Behinderte Urlaub machten. "Es ist vieles bewegt worden, aber es muss noch sehr viel passieren", resümiert Gütlein. Aufgaben gebe es genug für seine Nachfolgerin Christa Rupp, die das Amt zum 1. Januar antritt. Dazu gehörten etwa die Weiterentwicklung der Inklusion in den Regelschulen oder der Ausbau von barrierefreien Wohnungen. Dass Rupp das Amt künftig als Ehrenamt ausüben wird, kritisiert er: "Ich bin nicht glücklich darüber. Ich weiß, dass sehr viel zu tun ist. Allein die viele Gremienarbeit sowohl regional als auch überregional. Ich denke, es ist äußerst schwierig, das ehrenamtlich zu machen."

Nach seinem letzten Arbeitstag am 16. Dezember will Gütlein zunächst Urlaub mit Ehefrau Pia machen. "Da werde ich hoffentlich innere Ruhe finden", sagt der 64-Jährige. Ganz untätig will Gütlein jedoch nicht bleiben. Vier Angebote, um sich weiterhin für die Belange von Menschen mit Handicap zu engagieren, lägen ihm bereits vor. Welche, verrät er nicht: "Das werde ich mir gründlich überlegen."