„Es ist sexy, einer Protestkultur anzuhängen“

Immer mehr junge Mitteleuropäer verschreiben sich der extremistischen Lehre des Salafismus. Inzwischen sind Tausende von ihnen als Kämpfer des Islamischen Staats in Syrien und dem Irak aktiv, oder verüben tödliche Anschläge in Europa. Vor der Podiumsdiskussion heute Abend (siehe Kasten) erklärte ARD-Islamismus-Experte Ahmet Senyurt SZ-Redakteur Dietmar Klostermann Beweggründe dafür.

Wieso begeistern sich junge Mitteleuropäer für den Salafismus ?

Senyurt: Weil der Salafismus in einer komplizierten Welt, in der wir leben, einfache Antworten bietet. Und weil es auch sexy ist, einer Protestkultur anzuhängen, wie der Salafismus nun eine ist. Die Abgrenzung ist da Programm. Das kennt man aus männerdominierten Jugendkulturen und das ist das ganze Geheimnis vom Salafismus . Abgrenzung gegenüber einer Gesellschaft, die ohne Moral zu sein scheint, die dekadent ist, die zwar Menschenrechte predigt, aber selbst foltert.

Viele der jungen Mitteleuropäer, die in IS-Camps in Syrien oder dem Irak ziehen, haben sich durch die Rap-Musikkultur sozialisiert. Gibt es da eine kulturelle Verbindung, etwa was das Frauenbild anbelangt?

Senyurt: Eigentlich nicht. Das sind eher Codes, die transformiert werden, und dann in den richtigen religiösen Rahmen gesetzt werden, um sie dann umzuinterpretieren. Die Codes bleiben für uns, die wir uns zu selten mit diesen Inhalten beschäftigen, diffus. Wir suchen Vergleiche und dann landet man bei den Gangsta-Rappern. Nur, was da dahintersteckt, ist etwas völlig anderes. Auch die Gangsta-Rapper binden sich im weitesten Sinne ein in ein Rechtssystem. Das tun die Salafisten nicht. Im Gegenteil.

Wie können Eltern, Freunde, Verwandte verhindern, dass junge Mitteleuropäer in den militanten Salafismus abgleiten?

Senyurt: Das Wichtigste ist es, den Kontakt zu halten und nicht bei jedem Ansatzpunkt, der aus unserer Normalität herausragt, direkt zum Alarm überzugehen. Wenn etwa jemand eine rigide Form einer Religion interpretiert. Sondern das Wichtigste ist, dass Verwandte und Familien zu den Betroffenen den Kontakt aufrecht erhalten. Weil man dann noch Einflussmöglichkeiten hat. Wenn der Kontakt nicht mehr da ist, kann man nicht mehr einwirken. Wir müssen vor allem gegen die Stigmatisierung arbeiten, die die jungen Leute im Kopf haben. Zum Beispiel: "Ihr redet ja nicht mehr mit mir, weil ich Muslim geworden bin. Ihr lehnt mich ab, weil ich mir einen Bart habe wachsen lassen". Es gilt weiter Kontakt zu halten, die emotionalen Bindungen aufrecht zu erhalten. Wenn ein Kind aus einem gutbürgerlichen Haus plötzlich Punker wird: In den 80er Jahren war mein Vater nicht sehr erfreut darüber. Statt mit mir darüber zu reden, hat er versucht, sein Weltbild durchzudrücken. Ich bin dann in die Konfrontation gegangen. So ist es bei denen auch.

Ist das nicht ein pubertäres Verhalten?

Senyurt: Im weitesten Sinne ist es pubertär. Nur die Zielgruppe, die wir im Blick haben, fängt bei 20 Jahren an und hört bei 35 auf. Ein richtiges Jugendproblem ist es nicht, es ist ein Problem von jungen Männern und jungen Frauen im Erwachsenalter.

Zum Thema:

Auf einen BlickHeute Abend beginnt um 19 Uhr im Saarbrücker Hotel Domicil Leidinger, Mainzer Str. 10, Saal "Centro", die Podiumsdiskussion "Salafismus - eine Herausforderung auch für das Saarland?" mit dem ARD-Extremismus-Experten Ahmet Senyurt, Saar-Verfassungsschutz-Direktor Helmut Albert und Markus Schneider (Asko-Europa-Stiftung). Veranstalter sind das Landesinstitut für Pädagogik und Medien, die Landeszentrale für politische Bildung und SR 2 Kultur-Radio. red