„Es ist nur Sport, es muss Spaß machen“

Heute Abend spielt die deutsche Nationalmannschaft im WM-Achtelfinale gegen das Überraschungsteam aus Algerien. Die Nordafrikaner stehen zum ersten mal in ihrer Fußballgeschichte in der K.O.-Runde. Wie fühlen sich deutsch-algerische Fans vor dem Spiel?

Bei Familie Boucetta aus Alsweiler schlagen die Herzen für die deutsche und die algerische Mannschaft: Vater Miloud, geboren im algerischen Sidi Bel Abbès, lebt seit 22 Jahren in Deutschland. Er hat in St. Wendel seine Frau Elke kennengelernt. Gemeinsam haben sie vier Kinder. "Wir haben das fair aufgeteilt: Zwei sind für Deutschland und zwei für Algerien", scherzt Miloud. Gemeinsam feiern sie mit der St. Wendeler Familie Bouhedjeur den ersten Einzug der Wüstenfüchse ins Achtelfinale einer Fußball-Weltmeisterschaft. Sie haben die Saarbrücker Zeitung eingeladen, um über das Spiel und die Turnier-Chancen beider Mannschaften zu diskutieren.

Das heutige Spiel hat eine bittere Vorgeschichte für Algerien: Die Schande von Gijon. 1982 schoben sich die Mannschaften im Spiel Deutschland gegen Österreich die Bälle zu, weil beide mit dem Ergebnis von 1:0 für Deutschland ins Achtelfinale vorrücken konnten. Leidtragender war Algerien, das trotz zweier Siege, wegen des schlechteren Torverhältnisses, die Koffer nach Hause packen musste. "Ich war damals 16 Jahre alt", erinnert sich Miloud. "Das Spiel hat man immer im Hinterkopf."

Wer wird es heute packen? "Ich glaube an ein 2:1 für Algerien", sagt Hicham Bouhedjeur. Sein Vater Mereguet sieht die Stärken der Algerier vor allem in der Laufbereitschaft und dem Willen der Mannschaft. Yacine Brahimi, der beim FC Granada spielt, sehen die drei Männer als wichtigsten Spieler der Wüstenfüchse. Miloud: "Er ist einer der besten Dribbler in der spanischen Liga." Ob das Herzblut gegen Deutschland reicht? "Die deutsche Mannschaft ist sehr diszipliniert", wirft Hicham ein. "Die Algerier stürmen manchmal etwas unkontrolliert nach vorne, weil jeder ein Tor schießen will." Miloud ist sich sicher: "Die Kondition wird eine wichtige Rolle spielen." Er sieht allerdings bei den Algerien keine großen Vorteile auf Grund der Hitze: "In meiner Heimat ist es zwar sehr heiß, aber es ist eine trockene Hitze." In Brasilien herrscht eine hohe Luftfeuchtigkeit; so auch im eher kühlen Austragungsort des Spiels, in Porto Alegre.

Hicham über die deutsche Aufstellung: "Lahm ist einer der besten Außenverteidiger der Welt. Im Mittelfeld hat er bisher keine guten Spiele für die Nationalmannschaft in Brasilien abgeliefert." Womöglich versuche Bundestrainer Löw den Bayern-Coach Guardiola mit der Versetzung Lahms auf die Position vor der Abwehr zu kopieren. Die Besetzung von Innenverteidigern auf die Außenpositionen der Abwehrkette könne außerdem Möglichkeiten für die wendigen Algerier eröffnen.

"Falls Deutschland gegen Algerien gewinnt, werden sie weit kommen", sagt Miloud. Besonders beeindruckt hätten bisher die Holländer um Starspieler Arjen Robben . Dem Team in Oranje trauen sie zu, bis ins Finale zu kommen. Gastgeber Brasilien, und deren Intimfeind Argentinien, schätzt Hicham nicht so stark ein: "Sie haben mit Neymar und Messi zwei sehr gute Einzelspieler, aber mannschaftlich war das von beiden bisher schwach." Einigkeit herrscht bei der Bewertung der Franzosen. Miloud: "Die wären ein harter Gegner im Viertelfinale."

Über die Stimmung in Algerien: "Die Leute sind total verrückt nach Fußball . Jeder kickt in dem Land und wenn die Nationalmannschaft spielt, sitzen alle 37 Millionen Algerier vorm Fernseher", beschreibt Miloud. "Selbst wenn die Kinder am Abend nach der Mittagshitze draußen auf den Plätzen spielen, versammeln sich die Leute und schauen ihnen zu", berichtet Hicham. Die Verbindung zur Heimat werde laut Miloud gepflegt. Täglich werde per Internet und Skype mit den Verwandten geredet. "Mir ist es wichtig, dass meine Kinder ihre zweite Heimat kennen", sagt er. Sein Sohn Youcef war bisher einmal in Algerien. Auf die Frage, wem er die Daumen drücke, muss er kurz überlegen, dann sagt er: "Ich bin für Algerien."

Laut Mutter Elke gestalten sich die Tage innerhalb der Familie momentan etwas hektisch; auch weil Sohn Youcef das späte Spiel um 22 Uhr wegen einer Deutscharbeit am nächsten Morgen verpassen wird. "Ich würde es aber Algerien wünschen weiter zu kommen, denn sie haben es bisher noch nie so weit geschafft", gibt sie zu. Mereguet: "Es ist nur Sport, es muss Spaß machen." Und Miloud pflichtet ihm bei: "Es geht darum, zusammen zu kommen."

Und für alle steht eins fest: Falls Algerien rausfliegt, werden die Daumen für Deutschland gedrückt.

Jetzt wird's bei uns durch die Zeitverschiebung richtig spät während der in Brasilien ausgetragenen Fußball-Weltmeisterschaft: Wer das Spiel Deutschland gegen Algerien am Bildschirm verfolgen will, muss sich auf einen langen Fernsehabend einstellen. Anpfiff ist nach deutscher Zeit um 22 Uhr. Mehr noch: Ab dem Achtelfinale stehen mit Unentschieden-Ergebnissen nach regulärer Spielzeit Verlängerung und sogar eventuell Elf-Meter-Schießen ins Haus. Dann kann sich eine Partie durchaus bis weit nach Mitternacht hinziehen. Kommt damit die Nachtruhe dem Public Viewing in die Quere? Müssen sich Zuschauer, die gemeinsam feiern wollen, auf ein gekapptes Spielvergnügen kurz vor Abpfiff einstellen?

Am Bostalsee buhlen gleich zwei Anbieter um die Gunst des Publikums und der Kunden: der Betreiber des Biergartens am Bosaarium sowie der des Gonnesweiler Strandbads. Wie sieht's aus, sollte es später werden? Aus dem Nohfelder Rathaus kommt Entwarnung: "Alle Spiele können bis zum Schluss geguckt werden", versichert ein Mitarbeiter. Extra für die WM sei die Lärmschutzverordnung des Saarlandes Mitte Mai gelockert worden "Ab dem Achtelfinale gilt die Sperrstunde ab ein Uhr." Normalerweise ist bereits weit vor Mitternacht Ruhe. Sollte das jeweilige Fußballspiel verlängert werden, "ist nach Beendigung Schluss", heißt es aus dem Rathaus weiter.

Am heutigen Kirmesmontag in Theley bleiben die Fußballfans ebenfalls am Ball. Das Spiel wird auf einer großen Leinwand zu sehen sein.

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