Erst vertrieben – jetzt alleingelassen

Viele Opfer von Kriegen, Krisen und Rassismus finden gerade jetzt in Saarbrücken eine neue Heimat. Allein 20 bis 30 Asylbewerber kommen pro Monat in die Stadt. Aber nur wenige Experten helfen diesen Einwanderern, in ihrer neuen Heimat Fuß zu fassen. Ein Amtsleiter will das nicht hinnehmen.

"Nur nichts durcheinanderwerfen." Bei drei riesigen Herausforderungen - und vor denen steht Saarbrücken - gilt für Guido Freidinger dieses Prinzip. Der Leiter des städtischen Amtes für soziale Angelegenheiten und seine Leute müssen mit den überschaubaren Möglichkeiten einer Stadt Menschen in Not helfen. Ob sie nun aus Eritrea kommen, aus Rumänien einwanderten. Oder immer schon Saarbrücker waren. Weil Freidingers "Werkzeugkasten" so klein ist, muss er genau wissen, wie wem zu helfen ist. Zum Beispiel Flüchtlingen oder Asylbewerbern aus Afrika oder Syrien - etwa 20 bis 30 pro Monat. Seit der im Oktober 2013 eingeleiteten Teilauflösung des Aufnahmelagers Lebach muss Saarbrücken als größte Kommune des Landes fast jeden fünften Bewerber aufnehmen. Menschen, die viel mitgemacht haben, aber auch viel mitbringen und deren Fähigkeiten es zu mehren gilt.

Nur fehlen dafür aus Freidingers Sicht die Leute. Gerade mal zwei "Integrationslotsen" - mit Halbtagsstellen, wohlgemerkt - kümmern sich in Saarbrücken darum, dass die Neuankömmlinge sich in ihrer neuen Heimat zurechtfinden. Mindestens doppelt so viele Integrationslotsen von Rotem Kreuz, Caritas oder Diakonischem Werk müssten Flüchtlingen und Asylbewerbern allein in Saarbrücken helfen, fordert Freidinger. "Sonst verschwenden wir Integrationspotenzial", sagt er an die Adresse der Landesregierung, die er dafür in der Pflicht sieht. Freidinger fügt hinzu, dass vom Land für eine Gruppe bisher gar keine Integrationshilfe vorgesehen war - und die Stadt sich selber behelfen musste, um zu helfen.

Die Rede ist von den Einwanderern aus Südosteuropa, darunter inzwischen um die 200 Roma aus Rumänien und Bulgarien. Viele von diesen Neu-Saarbrückern hatten sich zuvor schon in Spanien eine Existenz aufgebaut - bis die Wirtschaftskrise sie den Job kostete und Deutschland der einzige Ausweg war. "Sie hatten absolut keine Perspektiven in den Herkunftsländern." Perspektiven, die sie nun in Saarbrücken suchen. Ein schwieriges Unterfangen ohne Deutschkenntnisse und Abschlüsse, die ins hiesige Bildungssystem passen. Jetzt wollen Bürgermeister Ralf Latz , Integrationsfachfrau Veronika Kabis und Guido Freidinger mit zahlreichen örtlichen sozialen Einrichtungen die Lage Schritt für Schritt verbessern. Zum Beispiel mit ersten Jobs, von denen die Neubürger zuvor nur träumen konnten - und in die sie sich voller Elan gestürzt haben, wie Freidinger sagt. "Diese Leute wollen unbedingt arbeiten. Deshalb spreche ich nicht von Armutszuwanderung, sondern von Arbeitszuwanderung." Wie wenig Deutschland auf die Menschen aus dem Südosten der EU vorbereitet ist, zeigt für Freidinger folgendes Beispiel: Ohne Improvisieren in den Stadtämtern wäre nicht einmal der Euro für das Schul-Essen der Roma-Kinder gesichert. Dafür trieb die Stadt Geld aus einem Bundesprogramm auf.

Dabei verliert Freidingers Amt Saarbrücker nicht aus den Augen, die hier seit langem gegen den Abstieg kämpfen. Um zu verhindern, dass Alleinstehende oder ganze Familien auf der Straße landen, muss die Stadt ihnen ein Dach über dem Kopf besorgen. Die Fallzahlen stiegen von 332 Menschen im Jahr 2012 auf 402 im vergangenen Jahr und - Stand 31. Juli - 452 in diesem Jahr.