Ernest W. Uthemann hat gepackt

Saarbrücken. "Das sagt mir nichts." Ein oft gehörter Einwand gegenüber zeitgenössischer Kunst. "Haben Sie denn etwas gefragt?", würde Ernest W. Uthemann entgegnen. Und damit ist auch seine langjährige Arbeit für die Stadtgalerie umrissen. Uthemann legt nicht fest, er fragt. 2003 wurde er als Nachfolger von Bernd Schulz Leiter der am St

Saarbrücken. "Das sagt mir nichts." Ein oft gehörter Einwand gegenüber zeitgenössischer Kunst. "Haben Sie denn etwas gefragt?", würde Ernest W. Uthemann entgegnen. Und damit ist auch seine langjährige Arbeit für die Stadtgalerie umrissen. Uthemann legt nicht fest, er fragt.2003 wurde er als Nachfolger von Bernd Schulz Leiter der am St. Johanner Markt gelegenen Galerie für zeitgenössische Kunst. Ihr Profil hatte sie da schon: neue Medien, Installationen, Performance, Klangkunst. 50 Ausstellungen später wird die Stadt die an die Stiftung Saarländischer Kulturbesitz abgegebene Verantwortung wieder übernehmen und Uthemann seinen Posten los.

Viel gab es über ihn, wenig von ihm zu hören. Ihn zu befragen, wäre immer möglich gewesen. Zu Idee und Sinn der ausgestellten Werke oder kuratorischen Erwägungen - von Katalog bis Künstlergespräch flankierten erklärende oder besser befragende Maßnahmen die Ausstellungen.

Fragen stellen

Das Fragen und Antworten wurde zentral zum Beispiel in den "Work in progress"-Veranstaltungen während der Ausstellung von Leslie Huppert. Die Künstlerin arbeitete zu bestimmten Zeiten an ihren Installationen und ließ sich dabei von Besuchern beeinflussen.

Wer moderne Kunst kuratiert, wird wahlweise für das Bedienen von Massengeschmack oder für Sperrigkeit kritisiert. "Mainstream" hieß es bei Uthemann schon, wenn Besucher sich, wie er es formuliert, in seinen Ausstellungen "visuell wohlfühlen" konnten. Was aber sicher nicht die schlechteste Voraussetzung dafür ist, sich auf ein Kunstwerk einlassen zu können. Hierbei empfiehlt der Kunsthistoriker eine recht einfache Herangehensweise, man frage sich: "Was sehe ich denn da eigentlich?" Und: "Welche Dinge aus meinem Leben entdecke ich?"

Erfährt man dann etwas, das man nicht schon vorher wusste? "Was die Kunst leisten kann, ist die Brüche der Welt zu fokussieren, sinnlich erfahrbar zu machen", sagt Uthemann. Er geht noch weiter, idealerweise gelinge es Kunst, eine Entwicklung vorwegzunehmen oder abzubilden. Etwas zu einem frühen Zeitpunkt zu sehen, das sich als richtig herausstellt. Abstrakte Malerei sei in einer Zeit aufgekommen, als in der Wissenschaft die Anschauung sichtbarer Phänomene zugunsten von Berechnung in den Hintergrund trat und Unsichtbares wie Freuds Unbewusstes en vogue wurde.

Archiv und Gedächtnis

Ernest Uthemann hatte sich in der Stadtgalerie für den Schwerpunkt Archiv und Gedächtnis entschieden. Eine Museumsaufgabe schlechthin. Kunst aus der Welt ins Saarland bringen, das war die Idee, weniger, der Welt zu demonstrieren, dass im Saarland Kunst gezeigt wird. Der Ruf nach überregionaler Resonanz ist ebenso inhaltsfern wie das Einfordern schlüssiger Konzepte. Sieht man der Kunst nach, zu suchen oder zu fragen, ist eine fest umrissene Zielvorgabe obsolet.

Dennoch, den Archivgedanken sieht Uthemann in knapp einem Drittel seiner Ausstellungen verwirklicht. Archiv, das kann eine Sammlung sein, eine Anhäufung von Dingen, die etwas anschaulich machen. Auch eine Reihung. Exemplarisch für Uthemanns konzeptionellen Ansatz stehe hier Veronika Witte, die 2010 mit "Liquid Identities" diverse Fragestellungen gereiht hatte. Die Antworten auf die Frage, auf welche drei Teile ihres Körpers die Befragten sich reduzieren ließen, wenn sie wählen müssten, hatte Witte in Skulpturen und auf Zeichnungen basierenden Filmen zu Kunst gestaltet.

Die Handschrift von Museumsarbeit wird oft erst nach Jahren sichtbar. Uthemann hätte auch weitergemacht. Der hellhörige Museumsmann ist einer gesellschaftlichen Entwicklung auf der Spur, die die Weitergabe von Wissen, somit Gedächtnis zur kollektiven Angelegenheit macht, Plagiat, Urheberschaft, geistiges Eigentum zu diskutierbaren Begriffen. Vom Politschacher um sich hält er sich fern, ist gedanklich mit ganz anderem befasst - mit Zeichen, die nur aus bestimmten Blickwinkeln sichtbar werden.

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