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Erfahrungen beim Messen und Wiegen

Saarbrücken. Mia Unverzagt lädt gern zum Mitmachen ein und beobachtet Menschen. Wie daraus Kunst wird, war jetzt bei ihrer aktuellen Ausstellung im Saarländischen Künstlerhaus zu erleben. Kerstin Krämer

Gleich zu Beginn brachte die Künstlerin dem Publikum Schlappen bei: Wer zur Vernissage von Mia Unverzagts aktueller Ausstellung "Messen - Wiegen - Ordnen" im Saarländischen Künstlerhaus wollte, musste in rosa Pantoffeln schlüpfen. Warum macht die Frau sowas? Weil sie Spaß daran hat, einen bestimmten Rahmen abzustecken, der zum Mitmachen einlädt. Und um zu beobachten, wie sich Menschen unter ungewöhnlichen Bedingungen verhalten.

Diesen Ansatz verfolgt Mia Unverzagt auch mit ihren "Foto-Performances"; freiwillige Mitwirkende rekrutiert sie im Bekanntenkreis. Für "Messen - Wiegen - Ordnen" etwa verteilte sie in einem Raum neben Bergen von Kleidungsstücken, Stoffen und Dingen auch etliche Gegenstände, mit denen man messen und wiegen kann. Aus einem Haufen türkisfarbener Hauskleider aus den 1940-70-er Jahren durften sich die Teilnehmer aussuchen, was sie tragen wollten, und wurden dann von Unverzagt mehrere Stunden lang mit einer analogen Spiegelreflexkamera begleitet.

Eine gewisse Entscheidungsfreiheit der Probanden ist ein wichtiges Kriterium. Auf Handlungsanweisungen kann Unverzagt getrost verzichten: Sie weiß, dass der Projektname genügt, um das Benehmen der Teilnehmer in eine bestimmte Richtung zu lenken. "Die Rahmenbedingungen verändern alles", sagt Unverzagt, "Gestik, Mimik, Verhalten " - kleine, unmerkliche Dinge, die man nicht planen könne. Unverzagts Performances sind nicht optimierbare Experimente: "Man macht Kunst ja, weil man etwas sucht. Und nicht, um Antworten zu geben."

Um gesellschaftliche Strukturen zu hinterfragen, greift sie gern auf alte, gebrauchte Kleider und Objekte zurück. "Ich bin eine große Sammlerin und liebe es, Spuren in Gegenständen zu entdecken."

So finden sich im Saarländischen Künstlerhaus neben Fotografien und Motto-bezogenen Arbeiten aus lasergestanztem Blech auch alte Möbel. Und zudem jede Menge Bücher, die einem die Welt erklären und sagen, "wie man es richtig macht". Diese indoktrinierenden Regelwerke seien heute von anderen, subtileren Formen abgelöst worden, meint Unverzagt. "Aber diese Vorbild-Funktion ist nicht weg, sie hat sich nur nach innen verlagert."

Was darf man, was soll man, was geht gar nicht? Unverzagt mag insbesondere alles, was leicht daneben ist. Sie überrumpelt gerne und hasst es andererseits, wenn Kunst dem Betrachter Vorschriften macht - "Überwältigungsallergie" nennt sie dieses Unbehagen.

Mia Unverzagt wurde im Jahr 1970 in Hannover geboren, studierte von 1997 bis 2004 Freie Kunst an der Hochschule der Bildenden Künste (HBK) Saar. Heute lebt die dreifache Mutter mit ihrer Familie als freischaffende Künstlerin in Bremen.

Ab Februar 2016 will sie "auf unbegrenzte Zeit" quer durch Lateinamerika reisen, um Anregungen zu sammeln. Das Gros ihrer Arbeiten bilden Foto-Performances, wobei sie analog knipst und auf technische Perfektion keinen Wert legt: "Man kann nicht alles haben!"

Zur Finissage der Ausstellung gibt es am 3. Mai ab

17 Uhr im Künstlerhaus unter dem Titel "Dahinterliegende Ordnungen" Gespräche über lebensprägende Strukturen.