Elegante Schlingen, feine Bögen

Saarbrücken. Vor einigen Tagen hat die "SZ" eine Einladung zur Teilnahme an einem Arbeitskreis "Kurrentschrift" veröffentlicht. Kurrent? Da rätselt wohl mancher Leser. Gemeint ist die Schreibschrift unserer Vorfahren, landläufig "deutsche Schrift" genannt, die inzwischen fast ebenso vergessen ist wie deren reformierte Form von Ludwig Sütterlin

Saarbrücken. Vor einigen Tagen hat die "SZ" eine Einladung zur Teilnahme an einem Arbeitskreis "Kurrentschrift" veröffentlicht. Kurrent? Da rätselt wohl mancher Leser. Gemeint ist die Schreibschrift unserer Vorfahren, landläufig "deutsche Schrift" genannt, die inzwischen fast ebenso vergessen ist wie deren reformierte Form von Ludwig Sütterlin. Nur ein paar Spuren sind im Volksmund erhalten geblieben - zum Beispiel: "Rauf, runter, rauf, Pünktchen oben drauf" - das war das "deutsche i".Angeregt hat Stephan Weidauer den Arbeitskreis. Er liebt die schöne alte Schrift mit ihren eleganten Schlingen und Bögen, beschäftigt sich seit vielen Jahren damit und bedauert, dass die nachwachsende Generation nicht mehr in der Lage ist, die Schreibweise der Vorfahren zu entziffern. Nun sucht er Zeitgenossen, die daran interessiert sind, dieses Kulturgut durch Erwerb der Schreib- und Lesefähigkeit in einem von ihm geleiteten Kurs zu erhalten.

Also gab Weidauer in einer deutschen Wochenzeitung und in Frankreich Anzeigen auf - ohne Reaktionen.

Dann die Anzeige in der Saarbrücker Zeitung - und jetzt freut er sich: Kaum war die Zeitung ausgetragen, klingelte schon das Telefon, und die ersten Interessenten waren dran. So kann nun ein Kurs "Deutsche Schrift schreiben und lesen" angeboten werden. Ok-Soon Stech und Lothar Ranta stellen einen Raum in der "Wissensbörse" in der Saarbrücker Talstraße 20 zur Verfügung.

Am Mittwoch, 12. Dezember, um 17 Uhr gibt es dort eine Vorbesprechung. Weitere Interessenten sind herzlich eingeladen. Vorgesehen ist dann im neuen Jahr ein Schreib- und Lesekurs.

Was bewegt nun Leute von heute, sich ans Erlernen einer längst untergegangenen Schrift zu machen? Mit "Deutschtümelei" hat das nichts zu tun. Die Interessenten wollen - ganz praktisch - die Schriftstücke lesen können, die ihre Vorfahren hinterlassen haben.

Alte Schriftstücke entziffern

Ein gutes Beispiel ist da Josef J., der allererste Anrufer. Der gebürtige Schlesier hat ein Familienarchiv, kann aber die meisten Briefe darin nicht lesen und will diese Gelegenheit nutzen, die alte deutsche Schrift zu lernen. Und ähnlich ist das bei den meisten, die sich angemeldet haben: Da liegen zum Beispiel in einer Kiste Großvaters Postkarten aus dem Ersten Weltkrieg und Omas Tagebücher - und keiner kann sie lesen. Unsere Vorfahren haben ja nun mal überwiegend in deutscher Schrift geschrieben. Andere Interessenten haben einfach Freude an Kalligraphie, und die elegante Schrift gefällt ihnen. Schließlich: Sie wollen verhindern, dass die Schrift völlig vergessen wird.

Die erste "Kurrentschrift-Gruppe" ist schon vor 25 Jahren in der Schweiz gegründet worden. Inzwischen gibt es auch in Deutschland neun Lese- und Schreibgruppen in der Vereinigung "Freunde der deutschen Kurrentschrift D.K.S."

Die Saarbrückerin Ursel Charousset ist seit zwölf Jahren Leiterin einer Gruppe, im Saarland leben zurzeit rund 15 Mitglieder dieser Gesellschaft. Tatsächlich hat sie weltweit Brieffreundschaften zu Interessenten der deutschen Schrift - sogar in Brasilien, in den USA und in China.

Übrigens haben auch wir Heutigen alle noch einen Buchstaben aus der "Kurrentschrift" fest im Programm, den es in keiner anderen Schrift der Welt gibt: Das "ß", das sogenannte "scharfe s". Das hat bedingt der Rechtschreibereform widerstanden. Und auch unsere Umlaut-Schreibung "ö", "ä" und "ü" kommt aus der Kurrentschrift - nur war früher über den zu verwandelnden Vokalen jeweils ein winzig kleines "e" anstelle der heutigen Pünktchen.Foto: iris maurer

Hintergrund

Die Kurrentschrift - von lateinisch: "currere"- laufen - hat sich aus der gotischen Schrift entwickelt. Der Grafiker Ludwig Sütterlin hat Anfang des 20. Jahrhunderts die komplizierten Buchstaben vereinfacht. 1941 wurde dann diese eben nur im deutschen Sprachraum gepflegte Schrift verboten: Alle Deutschen sollten ("Bormann-Erlass vom 3. Januar 1941) auf Befehl des "Führers" fortan die lateinische Schreibweise benutzen. Das geschah im Hinblick auf die angestrebte deutsche Weltherrschaft: Die "deutsche" Schrift war international nicht verwendbar. Nach dem Krieg blieb es bei der "lateinischen" Schrift. tb