„Einige sehen meinen Beruf als Verrätertum“

Saarbrücken · Schon lange werden im Saarland gezielt Menschen mit Migrationshintergrund für den Polizeidienst gesucht. Seyfi Turan erfuhr dies von einem Freund, bewarb sich und wurde angenommen. Seit 18 Jahren ist der Sohn eines türkischen Gastarbeiters jetzt Polizist, derzeit in St. Ingbert. Im Gespräch mit SZ-Mitarbeiter Daniel Miedreich sprach Seyfi Turan über seine teils auch unerfreulichen Erfahrungen im Arbeitsalltag.

 Als Polizeioberkommissar mit türkischen Wurzeln sieht sich Seyfi Turan in einer Vermittlerrolle. Foto: Oliver Dietze

Als Polizeioberkommissar mit türkischen Wurzeln sieht sich Seyfi Turan in einer Vermittlerrolle. Foto: Oliver Dietze

Foto: Oliver Dietze

War es für Sie als Immigrant schwer, in den Polizeidienst zu gelangen?

Turan: Nein, gar nicht. Ich selbst dachte, man müsse deutscher Staatsbürger sein. Nach Beamtengesetz können jedoch auch Bürger eines Nicht-EU-Landes eingestellt werden, wenn das Ministerium ein dringendes dienstliches Bedürfnis sieht. Und schon damals suchte man Bewerber mit Migrationshintergrund , um sich deren kulturelle Kompetenzen zu Nutze machen.

Inwiefern sind diese Kompetenzen zum Beispiel von Nutzen?

Turan: Das sind sie eigentlich immer. Türkische Mitbürger erkennen oft, dass ich Türke bin, und sprechen mich direkt auf Türkisch an. Dann kommen sie mit einem Brief vom Sozialamt oder ihrem Arbeitgeber und ich übersetze ihnen den. Und dann ist das Eis gebrochen. Bei der Befragung von Tatverdächtigen hingegen gebe ich mich manchmal gerade nicht als türkischer Polizist zu erkennen und bekomme dadurch mit, wie die Verdächtigen sich untereinander auf Türkisch besprechen. Leider sehen einige jüngere meiner Landsleute meinen Beruf hin und wieder als Verrätertum. Die meisten aber zeigen letztlich eine viel größere Akzeptanz der deutschen Behörde gegenüber, haben ein ganz anderes Anzeige- und Aussageverhalten, nehmen Deutschland bewusster wahr und stellen sich dann teilweise entsprechend um.

Planen Kollegen und Vorgesetzte Sie ein, wenn Ihre Herkunft bei einem Einsatz von Vorteil sein könnte?

Turan: Ja. Meist werde ich kontaktiert, damit ich sprachlich aushelfe. Bei kleineren Dingen, aber etwa auch bei der Bewertung von Aggressionspotential auf türkischen Demonstrationen. 2012 gab es dann angesichts des NSU-Skandals bundesweit den Auftrag, alle Fälle von Brandanschlägen und Tötungsdelikten darauf zu prüfen, ob ausländerfeindliche Motive vorlägen. Da war ich in der saarländischen Ermittlungsgruppe. Das war für mich eine wertvolle Erfahrung. Und den Kollegen konnte ich helfen, das Vertrauen der türkischen Befragten zu gewinnen.

Akzeptieren auch deutschstämmige Bürger Sie in der Regel?

Turan: Natürlich fällt Leuten mein südländisches Aussehen auf. Wenige trauen sich dann zu fragen: Turan, das ist aber kein deutscher Name? Ich habe aber zu 99 Prozent keinerlei Abneigung erlebt. Wenn doch, muss man diese Fälle individuell betrachten. Auf einer früheren Dienststelle gab es zum Beispiel einen erkennbar rechtsextremen jungen Mann, der öfter kam und Anzeigen machen wollte, gerade wenn ich Dienst hatte. Das missfiel ihm ein wenig. Während des Einsatzes auf einer WM-Feier 2006 habe ich ihn wiedergesehen und da hat er im Vorbeigehen gesagt: Jetzt stellen sie auch noch Türken bei der Polizei ein, das kann doch wohl nicht wahr sein. Bei nächster Gelegenheit habe ich ihn angesprochen, bei seiner riesen Clique von zehn Mann, wie er das denn genau gemeint habe. Daraus hat sich ein Gespräch entwickelt, wodurch ich ihn vielleicht etwas von seinen Vorurteilen abbringen konnte. Zum Schluss hat er sich bei mir entschuldigt. Vor seinen Kollegen. Und auch die haben keine negative Reaktion gezeigt. Dabei hatte ich schon etwas Respekt vor dem Gespräch, aber ich würde wieder so handeln. Und heute grüßt er mich auf der Straße. Eine andere Anfeindung kam von einem älteren Franzosen auf einer Dienststelle an der Grenze. Als ich seine Anzeige aufnehmen wollte, meinte er, er wolle mit einem richtigen Polizisten reden. Ich habe das gar nicht mit Ausländerfeindlichkeit verknüpft und geantwortet, ich sei doch einer. Nein, nein, ich möchte einen deutschen Polizisten !, sagte er dann in einer richtig abwertenden Weise. Das kam für mich so überraschend, weil er selbst einen starken Akzent hatte, mich aber gerade auf meine nicht-deutsche Identität angesprochen hat. Ich habe ihn dann der Dienststelle verwiesen mit dem Hinweis, dass ich jederzeit seine Anzeige aufnähme, aber nicht unter diesen Bedingungen. Ich wollte mir nicht die Blöße geben, jetzt einen deutschen Kollegen zu rufen, sondern das sollte dieser Bürger mit mir selbst klären. Darauf ist er wutentbrannt gegangen. Auch ich habe mich aufgeregt, trotzdem habe ich mich nicht persönlich angegriffen gefühlt. Ich habe mehr aus Prinzip gehandelt.

Zum Thema:

Im Saarland liegen keine offiziellen Erhebungen zum Anteil der Polizeibeamten mit Migrationshintergrund vor. Laut Landespolizeidirektion scheiterte 2013 eine freiwillige Befragung mangels Rücklaufs. Für 2016 sei eine neue Umfrage geplant. Lediglich eine Angabe zur familiären Herkunft bei der Onlinebewerbung für den gehobenen Dienst habe einen Anteil von 10,5 Prozent für 2014 und von 9,4 Prozent für 2015 ergeben. SZ-Interviewpartner Seyfi Turan schätzt die Zahl saarländischer Polizisten mit erkennbar ausländischem Aussehen auf etwa 50, was bei 2900 Beamten insgesamt einen Anteil von 1,7 Prozent ergäbe. mie

Meistgelesen
Neueste Artikel
Zum Thema
Aus dem Ressort