„Eine unerträgliche Situation“

Der Saarbrücker Verwaltungsdezernent Jürgen Wohlfarth erläuterte bei einer Podiumsdiskussion der Caritas die Ursachen der ausufernden Prostitution in Saarbrücken. Nachbarn des Deutschmühlentals berichteten, wie sie darunter leiden.

Rund 80 Gäste kamen zur Podiumsdiskussion "Saarbrücken - Hauptstadt der Prostitution?" ins Johannes-Foyer. Die Caritas hatte die Veranstaltung organisiert. Christian Otterbach moderierte.

Saarbrückens Verwaltungsdezernent Jürgen Wohlfarth erklärte, die Hauptgründe für die Ausbreitung der Prostitution in Saarbrücken seien die "Armutsmigration" und "die neue rechtliche Lage" in Frankreich. Seitdem dort die Prostitution verboten sei, kämen mehr französische Freier nach Saarbrücken, die vor allem den billigen Straßenstrich aufsuchten.

Um den Straßenstrich einzudämmen, hatte die Stadt erst letzte Woche einen Plan zur Erweiterung des Sperrbezirks vorgestellt.

Sauer sind die Nachbarn des Deutschmühlentals, weil der Straßenabschnitt unterhalb ihrer Siedlung nicht zum erweiterten Sperrbezirk gehören sollte. In ihren Wortmeldungen schilderten sie, dass Kinder, Schülerinnen und Frauen an der Bushaltestelle und auf der Straße von Freiern angesprochen, aber auch von den Prostituierten beschimpft würden. Für Anwohnerin Heidi Heissert (72) "eine unerträgliche Situation".

Wohlfarth versprach, dass auch dieser Straßenabschnitt in den Sperrbezirk integriert werde. Rund 1000 Frauen prostituieren sich in Saarbrücken, 200 von ihnen auf offener Straße. Die Zahl der Prostituierten sei nicht bedenklich angestiegen, sagte Barbara Filipak, Leiterin von "Aldona", einer Beratungsstelle für Prostituierte, aber es sei "in den letzten zwei Jahren" eine "Verlagerung der Prostitution aus den Bordellen raus", hin zum Straßenstrich geschehen. Die Frauen seien meist aus Rumänien und Bulgarien, zwischen 18 und Anfang 30, häufig Analphabetinnen, "die aus großer Not nach Deutschland gekommen" seien.

Dass sich am Straßenstrich immer hitzige Debatten entzünden, liege daran, dass "er uns tiefer" berühre, "weil er die Menschenwürde" beschädige, sagte Béatrice Bowald, katholische Theologin aus Basel. Sie mahnte auch, dass man die Frauen nicht als Täterinnen stigmatisieren sollte: "Wir haben es hier mit der untersten Stufe der Migration zu tun."

Eva Wache vom Drogenhilfezentrum zog für das Projekt "Le Trottoir" eine positive Bilanz: Der Drogenstrich konnte aus dem Wohngebiet in der Brauerstraße mit Berufs- und Tanzschule, wo früher auch Schülerinnen von Freiern belästigt wurden, erfolgreich an den Rand des Ex-Hela-Parkplatzes umgesiedelt werden. Der Platz sei "sozialverträglicher", so Wache.

"Wir brauchen einen Rechtsrahmen für die Prostitution" auf Bundesebene, forderte Wohlfarth. "Der Flickenteppich des Prostitutionsgesetzes" reiche nicht aus.

Es müsse ein Gesetz her, das Bau- und Gewerberecht regele, aber auch "eine Verträglichkeit der Beschäftigungsverhältnisse, Kontrollmöglichkeiten und eine Meldepflicht der Prostituierten" beinhalte.