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„Eine unermüdliche Aktivistin“

Saarbrücken. Die Architektin Marlen Dittmann hat ihre große Fähigkeit, Netzwerke zu knüpfen, stets für die Erhaltung wertvoller Bauten eingesetzt. Kultusminister Ulrich Commerçon hat sie deshalb für das Bundesverdienstkreuz vorgeschlagen und konnte es ihr kürzlich überreichen. Ilka Desgranges

Eigentlich hätte man sie im Pingusson-Bau ehren müssen, dem Gebäude, das ihr so am Herzen liegt. Doch es ist leer und verschlossen, Kultusminister Ulrich Commerçon längst in die einstige Alte Post gezogen. Dort überreichte er Marlen Dittmann das Bundesverdienstkreuz (wir berichteten bereits). Ehre und Freude für eine Frau, sie seit 1977 in Saarbrücken lebt und die Stadt mit all ihren Brüchen und Bausünden ins Herz geschlossen hat.

Die Architektin - sie ist in Kiel geboren und hat in Aachen studiert - hat sie sich zunächst als Landeselternelternvertreterin erschlossen. Und in der Familienphase gelernt, was später von großem Nutzen sein sollte, das Reden mit Ministern, das Überzeugen, das Netzwerke knüpfen, sich Verbündete zu suchen. Als sie sich als Freiberuflerin wieder der Architektur zuwandte, war das wichtig. Dittmann schrieb Texte: klar, schnörkellos, fachkundig. Begonnen hat sie damit in der Kulturredaktion der Saarbrücker Zeitung, publizierte dann auch in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, in Fachmagazinen, gehört der Redaktion des saarländischen Kulturmagazins Opus an. Jeder ihrer Texte war und ist ein Werben für Architektur, für Baukultur, für Denkmalpflege . Der langjährige, im vergangenen Jahr verstorbene Landeskonservator Johann Peter Lüth hat das in einer Laudatio auf Marlen Dittmann mal so formuliert: "Ihre genaue und umsichtige Art schafft den Denkmälern Freunde, die sie bis dahin möglicherweise nicht besaßen: Sie war die erste, die über die Alte Schmelz berichtete und den Alten Bahnhof in Völklingen." Sie selbst sagt, sie sei dankbar, dass sie immer ihrer Leidenschaft frönen konnte, stets Rückhalt fand bei ihrem Mann, dem Kunstgeschichtsprofessor Lorenz Dittmann.

Städtebaubeirat Saarbrücken , Werkbund Saar, Werkbund Deutschland, Landesdenkmalrat, Freundeskreis Villa Obenauer, Stiftung Saarländischer Kulturbesitz , Beirat der Saarländischen Stiftung Baukultur: Marlen Dittmann war und ist vielfach engagiert, oft als Vorsitzende von Gremien. Die Themen, die sie besetzt, sind nie einfach, oft sind sie schwer zu vermitteln, fordern Durchhaltevermögen. Doch wenn Marlen Dittmann sich für eine Sache interessiert, sie für wichtig erachtet oder ein Gebäude für unbedingt erhaltenswert, dann bleibt sie dran. Nicht immer nehmen die Dinge eine glückliche Wende, die ehemalige Bergwerksdirektion in Saarbrücken etwa wurde trotz des Einspruchs der Denkmalschützer zum Einkaufszentrum. Marlen Dittmann spricht auch über das, was nicht geglückt ist in den vielen Jahren ihres Tuns. Seit 1998 beschäftigt sie sich mit der einstigen französischen Botschaft, die bis vor zehn Monaten Sitz des saarländischen Kultusministeriums war. Das vom französischen Architekten George-Henri Pingusson entworfene Haus, das sie auch schon mal liebevoll den "Pinguinbau" nennt, beschäftigt sie seit 1998. Sie organisiert mit anderen zusammen Expertentreffen, Buchvorstellungen, schreibt Fachartikel, wirbt für den Erhalt des Hauses. Und hat in Kultusminister Commerçon, der sie für das Bundesverdienstkreuz vorgeschlagen hatte und es ihr auch überreichte, einen Verbündeten. Marlen Dittmann nannte er bei der Verleihung eine "unermüdliche Aktivistin in Sachen Städtebau und Architektur". Und sie, die Zurückhaltende, manchmal sogar ein wenig Spröde, dankte auf ungewöhnliche Weise: Für den Minister gab es einen Kuss.