Eine Krippe ist keine Erkältungskrankheit

Und wenn das fünfte Kerzlein brennt, dann hast Du Weihnachten verpennt". Jeder kennt den Spruch und das ist tatsächlich so, obwohl ich schon gefragt worden bin, weshalb der Adventskranz "nur" vier Kerzen habe, mehr Kerzen seien doch viel schöner und feierlicher. Nun hat der Advent vier Sonntage. Wenn man aber die "Sonntage der Weihnachtslieder" ab Ende August in den Kaufhäusern mitzählt, kommt man auf eine ausgesprochen hohe Zahl und eine sehr, sehr lange Adventszeit. Und dann? Alle Jahre wieder, kommt das … was war's noch mal? Die Antworten in den derzeit so beliebten Umfragen gehen von "Weihnachtsmann" über "Santa Claus", "Frau Holle " bis zu "Christkind". Mit dem letzten Stichwort wären wir zumindest auf dem richtigen Weg.

Das Kind: Die Geburt eines Kindes ist und bleibt ein Wunder! Und oft ist es heute so wie "früher": die Nachbarschaft und die Verwandten (man sagt: besonders die Omas?) machen sich auf den Weg, um "das Kindchen zu gucken". Da geht es auch um die Ähnlichkeit mit Vater, Mutter, Oma, Opa oder sonst jemand: "ganz der Opa"; "die Nase hat es nicht von mir"; "aus unserer Familie hat niemand solche Ohren" … Auch zum Kind in der Krippe kamen Menschen, denn dieser Jesus, so ist der Name des Kindes, war sein ganzes Leben lang anziehend: Man will ihn sehen, als Kind und als erwachsenen Mann und Prediger. Man kommt aus unterschiedlichsten Gründen: die einen, weil sie Sterndeuter sind und einen besonders hellen Stern gesehen haben; die anderen, weil sie ihre Herde beschützen müssen und ihnen mitten in der Nacht ein Engel - also ein Bote - erscheint und ihnen die frohe Botschaft verkündet. Und diese frohe Botschaft trägt seinen Namen: Jesus Christus , der Messias, der Erlöser.

An und in der Krippe hat das Christliche, haben die großen und unumstößlichen Werte des in der letzten Zeit so oft beschworenen Abendlandes, ihren Ursprung und ihr Ziel. Und bevor Sie, liebe Leserinnen und Leser, jetzt vorschnell falsche Rückschlüsse ziehen, sollten wir auch auf das Umfeld und die Begleiterscheinungen dieser Geburt schauen: Maria und Josef, die Eltern Jesu, werden von der Herberge verwiesen: Das Boot ist voll! - Nur die Hirten, einfache Menschen, sehen und begreifen, dass hier etwas Besonderes geschieht. Von diesem besonderen Kind erzählt die Weihnachtsgeschichte - auch von der Flucht der kleinen Familie nach Ägypten, weil das Kind zum Tod verurteilt war. Flucht bedeutet auch zweitausend Jahre nach diesem Ereignis immer noch: nicht freiwillig, sondern aus Not und Todesbedrohung; nur noch besitzen, was man tragen kann; immer aus der Hoffnung leben, dass man bald wieder in seine Heimat zurückkehren kann. Und wenn es wegen der todbringenden Umstände keine Rückkehr gibt? Das Alte und das Neue Testament sind durch Erfahrungen von Flucht, Verfolgung und Heimatlosigkeit geprägt. "Ich war fremd und obdachlos, und ihr habt mich aufgenommen". Dieser Satz Jesu aus dem Matthäusevangelium bedingt einen Grundauftrag aus der jüdisch-christlichen Tradition und damit auch des christlichen Abendlandes, wenn es sich denn so nennen will. Hier spricht der erwachsene Jesus. Von ihm her zeigt sich die christliche Identität Europas gerade in der Fürsorge und in der menschenwürdigen Behandlung von schutzsuchenden Menschen. In diesem Sinn wünsche ich Ihnen ein frohes Weihnachtsfest.

Dr. Peter Prassel ist der Leiter des Katholischen Büros Saarland