Ein Fingerballett spielt Odyssee im Weltraum

Das Collectif Kiss & Cry zeigt im E-Werk das Stück „Cold Blood“. Das Nanotanztheater erzählt sieben kurze Geschichte, die alle tödlich enden.

Sie zeigen dem Publikum einen atemberaubenden Trickfilm und gleichzeitig, wie er "gebaut" wird. Während oben auf einer Großleinwand flinke Finger - als wären sie vollständige Menschen - durch immer neue Welten tänzeln, sieht man darunter, wie eines halbes Dutzend Akteure um zwei Schauspieler Miniaturkulissen herumschieben und von Kameras verfolgt werden.

Das Erstaunliche dabei ist: Das Live-Trickfilm-Theater des belgischen Collectifs Kiss & Cry, das das Perspectives-Publikum schon 2013 beglückte und diesmal das Festival eröffnet, erhält gerade durch das Offenlegen seiner "Machart" seinen Zauber. Und behält seine Rätsel. Deshalb baten wir den Regisseur Jaco Van Dormael noch etwas darüber zu verraten, wie so ein Gesamtkunstwerk entsteht. "Wie schon bei Kiss & Cry sind wir auch diesmal nicht von einer Geschichte ausgegangen, sondern von Improvisationen", sagt der Brüsseler, der auch für Kinofilme wie "Das brandneue Testament" berühmt ist.

Zu seinem "Kiss&Cry"-Produktionsteam zählen neben der Choreografin Michèle Anne De Mey eine Reihe von Künstlern und Technikern der verschiedensten Disziplinen. Auch ein Schriftsteller, Thomas Gunzig, gehört dazu. Der schreibt für die Gruppe nicht etwa ein Szenario, sondern lediglich Haikus, also ganz kurze Gedichte. Wochenlang wird dann diskutiert, reflektiert und improvisiert.

Relativ früh stand fest, dass das neue Stück "Cold Blood" vom Tod handelt und woran man sich beim Sterben erinnert. Auch wie man das Publikum an den Tod heranführt: durch eine "kollektive Hypnose". Doch die Geschichte, sagt Van Dormael, entstehe erst zum Schluss. Man dürfe ihr nicht zu sehr hinterherlaufen, sie müsse sich finden, müsse erwachsen aus den einzelnen Elementen.

Auch das Bühnenbild entwickelt sich erst allmählich durch Improvisationen. Die Dekorateurin erhält dann schon mal den Auftrag: "Kannst du uns in einer halben Stunde ein Weltall bauen?" Das schafft sie dann auch. Mit Kochtöpfen und sonstigen alltäglichen Gegenständen. "Erst wenn das Szenario komplett feststeht, arbeitet sie das Dekor ganz neu aus, total präzise, hyperrealistisch - manchmal aber auch nicht", erzählt Van Dormael. In "Cold Blood" spiele man eine Art Odyssee im Weltraum, dass dabei eine Waschmaschinentrommel und ein Wäschetrockner zum Einsatz kommen, solle der Zuschauer ruhig erkennen. Ähnlich wie bei den Wasserballetten im Stile alter Hollywoodfilme, die im Stück von Fingern getanzt werden, in flachen Aquarien oder auf Glasscherben. "Man sieht, dass es nicht echt ist, aber manchmal wirkt etwas ja noch viel magischer, wenn man die Magie durchschaut", sagt Van Dormael. Die Truppe verzichtet bewusst auf digitale Tricktechnik, alles wird von Hand gemacht.

Oft setzen sie Spiegel ein, etwa um einen Miniatur-Waldstreifen ins Endlose zu verlängern. Oder sie machen Kamerafahrten, bei denen sich nicht die Kamera bewegt, sondern ein Laufband, auf das sie Gegenstände stellen.

"Es sind Tricks wie sie von Georges Méliès sein könnten", sagt Van Dormael in Erinnerung an einen französischen Trick-Pionier aus der Frühzeit des Kinos. Für ihre Oldstyle-Tricks benutzt die Truppe allerdings modernste Kameras und LED-Lichttechnik. So erspart man sich Kabelsalat, kann bei minimaler Beleuchtung filmen.

Was die Techniker leisten müssten, grenze fast an Zirkusartistik, erklärt Van Dormael bewundernd. Drehe man bei einem Kinofilm höchstens eine Minute am Stück, so müssten sie hier über eine Stunde vollkonzentriert durchhalten. Aber auch für alle anderen ist es anstrengend. Denn jeder muss jeden ständig im Blick behalten.

Die Erfahrungen der Kiss & Cry-Produktionen, verrät Van Dormael noch, hätten ihm aber auch bei seiner Arbeit fürs Kino geholfen. So hat er sich auch bei "Das brandneue Testament" einmal einer Miniaturlandschaft bedient, um sich ein kostspieliges Szenenbild in realer Größe zu ersparen. "Erinnern Sie sich an die Szene mit tanzenden Fingern auf einem Tisch?", fragt der Regisseur. "Das war haargenau die Eröffnungsszene von Kiss & Cry".

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Das Nanotanztheater "Cold Blood", (französisch mit deutschen Übertiteln), wird am 1., 2. und 3. Juni um 20 Uhr im E-Werk aufgeführt. Vorverkauf: Fürstenstraße 5-7, St. Johann, Telefon (06 81) 93 86 35 36.

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