Ein Bild der Nächstenliebe

Saarbrücken. "Saarbrücken, ehemals eine Stadt mit 120 000 Einwohnern, wird heute von 45 000 Menschen bewohnt. Wo sie wohnen, ist rätselhaft, 80 Prozent der Stadt sind zerstört", hielt der Zentralsekretär des Schweizerischen Roten Kreuzes Rudolf Gautschi bei einer Rundreise durch die Notgebiete der französischen Zone Anfang Februar 1946 fest

Saarbrücken. "Saarbrücken, ehemals eine Stadt mit 120 000 Einwohnern, wird heute von 45 000 Menschen bewohnt. Wo sie wohnen, ist rätselhaft, 80 Prozent der Stadt sind zerstört", hielt der Zentralsekretär des Schweizerischen Roten Kreuzes Rudolf Gautschi bei einer Rundreise durch die Notgebiete der französischen Zone Anfang Februar 1946 fest. In Saarbrücken, Berlin und dem Ruhrgebiet sei vor allem die Situation der Kinder am schlimmsten. Das hatten ihm französische Offiziere in Baden-Baden gesagt. Nach Einschätzung des Schweizers hatten sie nicht übertrieben.Angesichts der großen Not hatte als erste die französische Militärregierung Schweizer Hilfsorganisationen erlaubt, in ihrer Zone und im Saargebiet humanitäre Aktionen, in erster Linie Kinderspeisungen, durchzuführen. Seit 1946 erhielten mehrere hunderttausend Jungen und Mädchen täglich eine Mahlzeit. In den zerstörten Städten fielen natürlich die Freiwilligen der Schweizer Hilfswerke auf. Das sicherte ihnen von Anfang an eine besondere Vertrauensstellung in der Bevölkerung. Der Bürgermeister Völklingens formulierte in einem Dankesschreiben, dass hierdurch auch in den Erwachsenen das Gefühl einer gewissen Sicherheit, das Gefühl des Nichtverlassenseins und der Hoffnung wach geworden sei. Weil es um die Gesundheit vieler deutscher Jungen und Mädchen aber sehr schlecht stand, entschloss sich das Schweizerische Rote Kreuz dazu, unterernährte Kinder für drei oder mehr Monate in die Schweiz einzuladen. Zwischen 1946 und 1956 reisten auf diese Weise 44 000 in unser Nachbarland, darunter als erste etwa 150 Jungen und Mädchen aus Saarbrücken. Zusammen mit 270 Kindern aus Ludwigshafen und 80 aus Trier kam am 17. April 1946 der erste von 74 deutschen Kinderzügen in Basel an. "In Deutschland hungerten ja viele Kinder, und sie hätten genug Platz und auch zu essen gehabt", erzählte eine Schweizerin. Mehr als 100 000 Schweizer Familien waren bereit, Hilfsbedürftige zu pflegen. Die Gastgeber waren einfache Leute, Landwirte oder Gewerbetreibende, aber auch sehr vermögende Schweizer. Dabei ist kaum bekannt, dass auch in der Schweiz die Lebensmittel bis 1948 rationiert waren. Geschenke für die RückreiseWie selbstverständlich wurden die kleinen Gäste für drei Monate, oft auch länger, in das Familienleben integriert. Sie gehörten dazu, wurden mit offenen Armen aufgenommen. Die Pflegeeltern kleideten die Kinder, die ja selbst kaum noch über Anziehsachen verfügten, auf eigene Kosten ein und versorgten sie für die Rückreise. Viele konnten die Geschenkkartons kaum tragen.Am 24. Juli kehrte der erste deutsche Kinderzug über Ludwigshafen nach Saarbrücken zurück. "Uns allen, die wir zum Empfang anwesend waren, bot sich ein Bild der Nächstenliebe, vermittelt durch strahlende zufriedene Kinderaugen, die nun leider wieder in die Enge und Dürftigkeit unserer heutigen Verhältnisse zurückkehrten. Wie hatten sich doch unsere Kleinen alle verändert! Dicke Backen, sonnengebräunt, in neuen Anzügen, Kleidern und Schuhen, mit Paketen und Koffern voll süßer Geschenke für sich und die Geschwister beladen", hieß es in der Ludwigshafener Lokalpresse. Vertiefende Informationen dazu liefert das Buch: Bernd Haunfelder, Not und Hoffnung - Deutsche Kinder und die Schweiz 1946-1956. Berichte und Bilder, Aschendorff Verlag Münster 2008, 194 Seiten, Bildband, ISBN 978-3-402-12776-6. 16,80 Euro.