„Durch diese Tür müssen wir am Ende alle gehen“

Was passiert, wenn die Mitglieder des Ballettensembles des Saarländischen Staatstheaters (SST) nicht nur als Tänzer, sondern auch als Choreografen, Kostümbildner und Lichtdesigner in Aktion treten, zeigt das Projekt SubsTanz. Wie im vergangenen Jahr steht auch dieses Mal wieder ein Stück des Italieners Francesco Vecchione auf dem Programm, der mit seinem letzten Werk sogar international begeisterte. SZ-Mitarbeiterin Tonia Außel hat mit ihm gesprochen.

Mit 16 haben Sie angefangen, Ballett zu tanzen, inzwischen sind Sie nicht nur Tänzer , sondern auch Choreograf.

Francesco Vecchione: Nein, so würde ich mich nicht wirklich bezeichnen. Das ist eher eine Art Spielerei.

Ist das nicht etwas bescheiden? Sie haben doch erfolgreich an einem internationalen Wettbewerb für Choreografen teilgenommen.

Francesco Vecchione: Ja, das stimmt schon. Ich habe dieses Jahr eine Choreografie von mir aus dem letzten Jahr eingesandt, aber das habe ich eigentlich nur so aus Spaß gemacht, deshalb war ich wirklich geschockt, als ich von 211 Teilnehmern unter die Top 10 gekommen bin. Ich meine, die anderen machen das ja schon seit zehn, 15 Jahren und arbeiten sehr lange an einer Choreografie. Und wir Tänzer sitzen einen Monat daran, und dann spielen wir damit. Ich fand, dass man den Unterschied zwischen den ,,Profis" und mir gesehen hat. Aber das Stück hat wirklich gute Kritiken bekommen, und die Leute mochten es auch sehr.

Es handelte sich dabei um das Stück, das Sie letztes Jahr für SubsTanz entwickelt haben.

Francesco Vecchione: Genau, SubsTanz ist eine Art Plattform für uns, auf der wir unsere persönlichen Geschichten durch Bewegung erzählen können. Normalerweise müssen wir Tänzer ja den Vorstellungen der Choreografen folgen und können wenig von uns persönlich dazugeben. Aber SubsTanz gibt uns die Gelegenheit, das zu tun, was wir ausdrücken möchten.

Das Motto dieses Mal lautet ,,Over the Rainbow". Was darf man sich darunter vorstellen?

Francesco Vecchione: Jeder Choreograf nimmt dieses Motto auf...

...Das Lied?

Francesco Vecchione: Nein, nicht unbedingt. Für mich ist es eher ein Ort, an dem Träume wahr werden können. Aber manche nehmen schon das Lied oder auch die Farben des Regenbogens. Das hängt davon ab, was jeder einzelne aus diesem Motto macht.

Wie Sie gerade angedeutet haben, können die Zuschauer auch dieses Jahr wieder eine Choreografie von Ihnen sehen. Worum geht es darin?

Francesco Vecchione: Es ist die Fortführung des Stückes, das ich letztes Jahr gemacht habe. Da ging es um Beziehungen, die eigentlich funktionieren sollten, es aber nicht tun. Das diesjährige Motto ist ähnlich, aber positiver. Vielleicht funktionieren die Beziehungen dieses Mal. In gewisser Weise sind beide Stücke von meiner Großmutter Anna inspiriert, an sie habe ich gedacht, als ich die Choreografien entwickelt habe. Sie hat neben meinem Elternhaus gewohnt, deshalb war sie in meiner Kindheit immer präsent. Aber sie ist schon vor vielen Jahren gestorben. Bei mir ist ,,Over the rainbow" deshalb nicht nur ein Ort, an dem Wünsche wahr werden, sondern auch der Ort, an den wir gehen, wenn wir tot sind. Für mich ist das nichts Dramatisches, sondern eher eine Tür, durch die wir alle gehen müssen. Es geht also darum, die Vergangenheit ruhen zu lassen, nicht daran zu denken, was wir richtig oder falsch gemacht haben. Wir gehen durch diese Tür und schließen Frieden mit der Vergangenheit.

Was bedeutet es für Sie zu choreografieren?

Francesco Vecchione: Ich habe einen speziellen Geschmack. Man kann es mit einer Palette mit ganz vielen Tönen ein und derselben Farbe vergleichen. Ich habe eine ganz genaue Vorstellung davon, welchen speziellen Farbton ich in meiner Choreografie sehen möchte, und so versuche ich, sie in diese Richtung zu lenken. Aber ich komme nicht mit festen Schrittkombinationen an, sondern eher mit Ideen und Vorstellungen. Die Tänzer sind natürlich auch stark am Entwicklungsprozess beteiligt, ich meine, es ist ihr Körper, ihre Art, sich zu bewegen. Aber am Ende muss auf jeden Fall der richtige Farbton dabei herauskommen.

Dieses Jahr wird SubsTanz zum ersten Mal nach 13 Jahren ohne Marguerite Donlon stattfinden, die das Ganze ins Leben gerufen hat. Welche Auswirkungen hat ihr Fortgang auf das Projekt?

Francesco Vecchione: Es ist vor allem traurig. Aber sie hat nie Einfluss auf die Proben für SubsTanz genommen. Auch als sie noch hier war, hatten wir Tänzer immer freie Hand. Sie hat uns damit die Möglichkeit gegeben, diesen gesamten künstlerischen Prozess zu durchlaufen, denn wir kümmern uns nicht nur um die Proben, sondern auch ums Licht und die Kostüme. Wenn sie uns gesagt hätte, was wir wie machen sollen, hätte das Ganze keinen Sinn gemacht. Das ist ja gerade die große Möglichkeit für uns. Wir realisieren unser eigenes Werk. Das finde ich großartig!

Das Interview wurde auf Englisch geführt und von der Autorin übersetzt. Weitere Vorstellung von ,,Over the Rainbow": Samstag, 19. Juli.

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Zur Person

Francesco Vecchione begann seine Ballettausbildung in seiner Heimatstadt Neapel bei Rosella Rossi. Nach seinem Abschluss 2004 ging er zunächst an das Ballett Basel und später zum Nederlands Dans Theater II, mit dem er weltweit auftrat. Anschließend engagierte Nacho Duato ihn für die Compañía Nacional de Danza in Madrid. Seit der Spielzeit 2012/13 ist er Mitglied des Ballettensembles des SST. red