Die Wildnis hat erst begonnen

Im Urwald vor den Toren der Stadt sind Holzwirtschaft und Jagd eingestellt. Da kein Verbot besteht, kann jeder das Naturschutzgebiet ergründen. Urwaldförster Martin Müller soll den Menschen das Naturschutzgebiet näherbringen.

Die Wildschweine, so glaubt Martin Müller beobachtet zu haben, sind ruhiger als in anderen Wäldern, sie lassen ihn näher herankommen und laufen nicht so leicht davon. Ob sie schon gelernt haben, dass sie hier keiner totschießt? Martin Müller, der Revierleiter im "Urwald vor den Toren der Stadt", spricht allerdings von einer "gefühlten" Wahrnehmung, er hat keine gesicherten Wahrheiten über die Entwicklung dieses ganz besonderen Waldes und seiner Bewohner. Wissenschaftlich belegbare Zusammenhänge gibt es hier - noch - so gut wie keine. Vermutet werden darf, dass es immer dunkler und dichter wird, aber welche Pflanzen und Tiere damit wie klarkommen, ist im Einzelnen nicht vorhersehbar.

Die etwa tausend Hektar große Fläche im Saarkohlenwald, eingebettet in ein dicht besiedeltes Gebiet mitsamt Großstadt, wird seit 1997 nicht bewirtschaftet. Auch Jagd findet hier nicht mehr statt. Während andere Revierförster tagtäglich damit befasst sind, Bäume zu entnehmen und zu vermarkten, kann ihnen Müller beim unkontrollierten Umstürzen und Verrotten zuschauen. Statt mit Maschinenführern redet er mit Touristen.

Der 30-Jährige aus der Nähe von Koblenz hatte sich gezielt auf die Stelle als Urwaldförster beworben, weil ihn dieser Wald "ohne Nutzungseffekte" so fasziniert. Dass mehr Geld und mehr Mühe in dieses Stück Natur fließen sollen als in den Vorjahren, beflügelte seine Absichten. Die nicht einmal 20 Jahre seit Start des Urwald-Projektes sind, gemessen am Zeithorizont eines richtigen Urwaldes, gerade mal ein Wimpernschlag, eine Sekunde. Gewiss, überall liegen Bäume im Wald quer und ist es stellenweise dank geschlossener Kronendächer sehr dunkel, aber von einem Urwald zu reden, das sei übertrieben, sagt Müller. "Urwald " sei ein Ziel, derzeit habe man es mit dem Anfangsstadium einer "wachsenden Wildnis" zu tun, einem Wirtschaftswald, bei dem soeben die Nutzung eingestellt wurde.

Der Urwald , verantwortet von Saarforst, dem Umweltministerium des Saarlandes und vom Naturschutzbund Nabu, wurde allerdings bewusst mit einem freien Betretungsrecht für jedermann ausgestattet. Noch "echter" oder "natürlicher" entwickelte er sich, wenn man ihm sozusagen eine Käseglocke überstülpte und Zutritte verwehrte. Der Urwald soll aber den Menschen Erholung bieten, sie Natur lehren, er ist ein Ort der Bildung, des Wanderns, der Pädagogik. Wer den seit August 2014 ins Amt gekommenen Urwaldförster in diesen Tagen auf einem Rundgang begleitet, der trifft denn auch rasch auf Randerscheinungen dieser diversen Nutzungen, vor allem Müll und tiefe Spuren von Mountainbikes im Waldboden. Müller ist aber nachsichtig mit den Menschen; wer hierher kommt, ob mit der Saarbahn oder zu Fuß, der gilt schon mal als Urwald-Fan, mit dem was aufzubauen ist, auch wenn er noch nicht alle Regeln verinnerlicht hat.

Viel Müll, das heißt auf der guten Seite: viele Leute. Es zählt zu den nächsten Aufgaben des Urwaldförsters, die Nutzer und ihre Motive zu ergründen, vor allem durch Befragungen. Außerdem soll er Voraussetzungen für systematische Forschung schaffen, das heißt zunächst einmal den Urwald komplett vermessen lassen und mit einem Stichprobenraster versehen.

Dann können Forscher immer wieder verlässlich Örtlichkeiten aufsuchen und ihre Erkenntnisse fortschreiben. Wer forschen soll und will, ist aber nicht gewiss. Für den Saarforst wäre es zu teuer.

Tourismus, möglichst in der "sanften" Variante, soll auch verstärkt werden, möglicherweise wird der Urwald im Kombipaket mit dem neuen Nationalpark Saar-Hunsrück und dem Biosphärenreservat Bliesgau "vermarktet". Da die Gastronomie in der Urwald-Anlaufstelle Forsthaus Neuhaus aber bereits im dritten Jahr nicht bewirtschaftet ist, kann er touristisch eigentlich noch nicht als erschlossen gelten. Hier solle demnächst etwas geschehen, sagt Müller.

saar-urwald.de