Die Unverwüstliche

Lisa Schorr hat eine bewegende Karriere hinter sich. Die 31-Jährige schnupperte schon WM- und EM-Luft. Doch zahlreiche Verletzungen verhinderten den Durchbruch der Sprinterin. Über die Landesmeisterschaften will sie erneut einen Angriff starten.

Was für die meisten Sportler selbstverständlich ist, grenzt für Lisa Schorr fast an ein Wunder. Die Sprinterin des SV Saar 05 Saarbrücken ist seit gut einem halben Jahr ohne Verletzung. "In meiner aktiven Karriere war das nur 2009 der Fall", sagt die 31-Jährige. 2009 war nicht irgendein Jahr. Es war das erfolgreichste ihrer Laufbahn. Dritte bei der deutschen Meisterschaft, Saarlandrekord über 100 Meter, WM-Teilnahme in Berlin. Vor den saarländischen Leichtathletik-Hallenmeisterschaften an diesem Sonntag ab 13.15 Uhr in der Saarbrücker Hermann-Neuberger-Sportschule sieht sie sich in ähnlicher Form wie damals - und weckt so Hoffnungen auf ein gutes Jahr.

Hoffnungen auf eine große Karriere hatte sie schon lang - doch ihr verletzungsanfälliger Körper machte ihr einen Strich durch die Rechnung. Fünf Ermüdungsbrüche im linken Fuß, zahlreiche Muskelverletzungen, sogar einen Bruch im Wirbelbogen hatte sie bereits. Dabei galt sie früh als eines der größten Sprinttalente in Deutschland. Schon ihr erster Wettkampf mit fünf Jahren sorgte für Gesprächsstoff. "Ich bin damals mit Achtjährigen gelaufen und habe das Rennen gewonnen. Aber es gab keine Zeit, da ich zu klein für die Lichtschranke war." Mit 15 Jahren brannte sie bei einem inoffiziellen Wettkampf in St. Wendel die 100 Meter in 11,66 Sekunden in die Bahn - für dieses Alter eine unfassbare Zeit.

Doch danach begann Schorrs Leidenszeit. Trotzdem ließ sie sich nie entmutigen. Schließlich gab es auch immer Höhepunkte. 1999 etwa, als sie deutsche Meisterin in der B-Jugend wurde. Und das mit 11,75 Sekunden - damals die viertschnellste Zeit dieser Altersklasse weltweit. Anschließend belegte sie mit der 4x100-Staffel Platz vier bei der U 18-WM. 2003 ersprintete sie mit der 4x100-Meter-Staffel Bronze bei der U 23-Europameisterschaft. "Ein schönes Erlebnis macht viele schlechte wett. Ich wusste ja immer, was ich kann", erklärt sie. Doch ihr Körper spielte nicht mir. "Ich glaube es gibt niemanden, der so oft in den Bundeskader reinkam und wieder gestrichen wurde wie ich", merkt sie mit einem süffisanten Lächeln an.

2009 war Schorr wieder im Nationalkader. Wie aus dem Nichts lief sie bei den deutschen Meisterschaften in 11,34 Sekunden auf Platz drei. Diese Zeit bedeutete nicht nur Saarlandrekord, sondern war auch ihr Ticket für die WM in Berlin. Sie lernte Top-Athleten wie Usain Bolt oder Asafa Powell kennen. Doch die Trauer überwiegt heute noch. Denn das Wichtigste blieb ihr verwehrt: ein Startplatz. "Obwohl ich die drittschnellste Zeit bei uns hatte, war ich in der Staffel nur die Ersatzläuferin. Und auch im Einzelwettbewerb durfte ich nicht laufen", sagt Schorr kopfschüttelnd. Ihre Kolleginnen gewannen Bronze. "Richtig freuen konnte ich mich darüber nicht, meine Enttäuschung war zu groß."

Danach wurde es ruhiger um Schorr. Obwohl sie ins Top-Team für Olympia 2012 kam. Doch wieder sorgten Verletzungen dafür, dass der Traum platzte. Jetzt ist sie gelassener, wie sie sagt. Ihr Lehramtsstudium (Sport und katholische Religion) neigt sich dem Ende zu. Im März will sie mit ihrer Examensarbeit beginnen. "Wenn ich fertig bin, wird der Beruf im Vordergrund stehen." Aber in dieser Saison, vielleicht ihre letzte, will Schorr noch einmal angreifen. Nicht nur über die 100, sondern auch über die 200 Meter. "Eine Teilnahme an der EM im Sommer wäre schön." Eventuell kann sie an das Jahr 2009 anknüpfen - das erfolgreichste ihrer Karriere.

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