„Die Stimmung kippt“

Gestiegene Anforderungen, zu wenig Personal und zu wenig Hilfen – Grundschullehrer im Saarland fühlen sich überfordert und fordern Entlastungen. Ministerpräsidentin und Bildungsminister dämpften jedoch die Erwartungen.

Yvonne Notzon ist sauer. "Seit Jahren steigt die Belastung etwa bei der Verwaltung, der Unterrichtsorganisation und der Elternarbeit", sagt die Schulleiterin der Grundschule "Am Römerberg" in Saarlouis-Roden. Vor große Herausforderung stelle ihr Kollegium auch die Inklusion, also der gemeinsame Unterricht von behinderten und nichtbehinderten Kindern, und der Umgang mit Flüchtlingskindern. "Die dafür zur Verfügung gestellten Förderstunden reichen nicht", sagt die Pädagogin. Ihre Schule ist im Saarland kein Einzelfall. Rund 450 Grundschullehrer haben gestern Abend lautstark mit Trillerpfeifen und Trommeln sowie Protestbannern bei einer Kundgebung des Saarländischen Lehrerinnen- und Lehrerverbands (SLLV) vor der Staatskanzlei ihren Unmut gezeigt und Entlastungen gefordert.

SLLV-Vorsitzende Lisa Brausch überreichte Ministerpräsidentin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU ) und Bildungsminister Ulrich Commerçon (SPD ) einen Ordner mit 1650 Unterschriften; insgesamt gibt es im Saarland 2150 Grundschullehrer . "Die Stimmung an den Grundschulen kippt", rief Brausch. Sie erneuerte die Forderung der Gewerkschaft nach einer Reduzierung der Wochenunterrichtsstunden, kleineren Klassen und gleichem Lohn wie für Lehrer anderer Schulformen. Gravierend sei zudem die Personalsituation. "Grundschullehrer sind im Saarland Mangelware", sagte Brausch. Teilweise müssten Lehrer anderer Schulformen einspringen. Unter den Voraussetzungen wollten immer weniger Schulleitungen übernehmen. Darüber hinaus brauche jede Schule eine Konrektorenstelle. "Das Saarland ist für Grundschullehrer nicht mehr attraktiv", rief Brausch unter Beifall. Die gemachten Anstrengungen der Landesregierung etwa bei der mobilen Lehrerreserve reichten bei weitem nicht aus. "Das ist nur ein Tropfen auf den heißen Stein."

Commerçon und Kramp-Karrenbauer dämpften mit Blick auf die Haushaltsnotlage des Saarlandes die Erwartungen. "Wir nehmen die Sorgen ernst und sehen an den Grundschulen Nachbesserungsbedarf", sagte Commerçon. Er würde gerne die Unterrichtsverpflichtung senken, doch "solange die Geberländer Hessen und Bayern eine höhere Unterrichtsverpflichtung haben, ist eine Absenkung nicht vermittelbar".

Er bot Gespräche über Entlastungsmöglichkeiten für Schulleiter an. "Für größere Veränderungen brauchen wir wieder mehr Spielraum im Landeshaushalt", sagte Kramp-Karrenbauer und verwies auf die derzeit laufenden Verhandlungen zwischen Bund und Ländern.

Meinung:

Beruf muss attraktiver werden

Von SZ-RedakteurinUte Klockner

In Schulen werden die Weichen für die Lebenschancen jedes Kindes gestellt. Hier entscheidet sich, ob sozialer Aufstieg und Integration gelingen. Diese verantwortungsvolle Aufgabe gilt besonders für Grundschullehrer , die Kinder fit für die weiterführenden Schulen machen. Ihr Protest über steigende Belastungen und die im Vergleich zu anderen Schulformen geringere Besoldung muss daher ernst genommen werden. Der Beruf des Grundschullehrers muss aufgewertet werden - finanziell und durch bessere Bedingungen für die zahlreichen Aufgaben. Der Beruf muss so attraktiv werden, damit sich künftig auch Spitzen-Abiturienten um einen Studienplatz für dieses Lehramt bewerben.