Die "Seitensprünge" der alten Dame

Saarbrücken/Nennig. Kaum zu fassen, dass eine renommierte Malerin, Zeichnerin und Grafikerin zwar im stillen Kämmerlein weiterarbeitet, aber über 30 lange Jahre nicht ausstellt. Warum? "Ich hatte nicht das Bedürfnis", sagt Nora Hildebrand-Miersen lachend. "Mich hat nur interessiert, ein gutes Bild zu malen. Wenn ich ausgepresst war wie eine Zitrone, dann war ich glücklich

Saarbrücken/Nennig. Kaum zu fassen, dass eine renommierte Malerin, Zeichnerin und Grafikerin zwar im stillen Kämmerlein weiterarbeitet, aber über 30 lange Jahre nicht ausstellt. Warum? "Ich hatte nicht das Bedürfnis", sagt Nora Hildebrand-Miersen lachend. "Mich hat nur interessiert, ein gutes Bild zu malen. Wenn ich ausgepresst war wie eine Zitrone, dann war ich glücklich. Einfach ausatmen. Ein quasi sportlicher Zustand." Genau der entspannte Zustand, in dem dann ihre "Seitensprünge" gediehen: heitere Zufallsbilder abseits jeder Zielgerichtetheit, rein zum Vergnügen.Ihre 92 Jahre merkt man der liebenswerten alten Dame, die gern schwarze Rollkragenpullover trägt, nicht an: schlank die Figur, hellwach die Augen, keck die Kurzhaarfrisur. Und auch ihre schnelle und resolute Redeweise zeugt von jugendlicher Frische und einem quicklebendigen Geist.

Wann ist ein Bild ein gutes Bild? "Man muss sich hüten vor zu viel Technik, vor zu viel Stil und Perfektionswillen", warnt Nora Hildebrand-Miersen. "Es ist alles eine Gratwanderung." Vor allem Unabhängigkeit ist ihr wichtig: "Ich möchte das Momentane so zeigen, dass es zeitlos ist."

Eine Voraussetzung dafür sei freilich, einfach drauflosmalen zu können, "ohne nach rechts und links zu sehen", ohne Erwartungshaltungen, die an einen herangetragen werden, ohne Sachzwänge. Die spürte sie schon, wenn sie als Mitglied des Saarländischen Künstlerbunds hin und wieder einige Bilder bei Gemeinschaftsausstellungen zeigte. Sofort ging das Grübeln los: "Bin ich das? Passt das Bild hierher?" Sorgen, derer sie während ihres abgeschiedenen Arbeitens in ihrem Haus in Nennig ledig war.

Nora Hildebrand-Miersen wurde 1919 in Aachen geboren, studierte an der Kunsthochschule Berlin und lebte als freischaffende Künstlerin im Sudetenland, bis sie 1945 nach der Vertreibung ins Saarland flüchtete, die Heimat ihres Vaters.

Hier hielt sie sich unter anderem mit dem Malen von Plakaten für das Scala-Kino über Wasser. Ab 1973 dann der Rückzug. Erst 2007 wagte sie sich mit druckgrafischen Arbeiten im Heimatmuseum St. Arnual wieder an die Öffentlichkeit und ließ sich zwei Jahre später anlässlich ihres 90. Geburtstags zu einer Einzelausstellung im Fellenburg-Museum Merzig überreden. Es folgten zwei Kataloge und eine DVD über ihre "Reiseskizzen-Bücher", gezeichnete Impressionen, entstanden zwischen 1959 und 1983 bei Studienreisen durch Europa.

Nun hat die Saarbrücker Galerie am Pavillon Überzeugungsarbeit geleistet: Brigitte und Hans Karl Reuther zeigen rund 60 ihrer Arbeiten aus den Bereichen Grafik, Malerei und Zeichnung. Darunter auch die eingangs erwähnten Seitensprünge und die "Eva-Serie", eigenwillige Frauenporträts in Gouache. "Ihr umfangreiches grafisches Werk mit Handdrucken in kleiner Auflage, teilweise Unikate, entspricht unserem vordringlichen Programm", erläutern die beiden passionierten Sammler, die bereits vor etlichen Jahren über einen Beitrag in der Kulturzeitschrift "Saar-Heimat" auf die "fantastischen Bildwelten" Nora Hildebrand-Miersens aufmerksam wurden. "Für uns ist es eine Riesenehre, dass sie die Sachen überhaupt rausrückt." Während Nora Hildebrand-Miersen sich einfach nur freut - ganz entspannt. Die bekennende Nachtaktive steht jeden Morgen um sieben Uhr auf. Ihr Arbeitswille ist ungebrochen: "Ich würde gern Aquarelle malen, Tuschezeichnungen, Gouache." Die Kapazität ist da, aber die Körperkräfte lassen nach. "Ich bin ja keine 70 mehr."

Vernissage "heiter bis wolkig'': Freitag, 12. August, 19 Uhr, Galerie am Pavillon, Bismarckstraße 10, Saarbrücken. Bis 2. September, Dienstag bis Freitag 14 bis 18 Uhr; Sa elf bis 14 Uhr.

Ein Foto aus alten Tagen: Nach dem Krieg hielt sich Nora Hildebrand mit Kinoplakat-Malerei über Wasser.Archivfoto: privat.
Ein Foto aus alten Tagen: Nach dem Krieg hielt sich Nora Hildebrand mit Kinoplakat-Malerei über Wasser.Archivfoto: privat.

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