Die Rettung der Kreativität durch den Faden

Ihre Ausstellung in der Saarbrücker Stadtgalerie ist eine kleine Sensation. Chiharu Shiota gehört zur ersten Garde internationaler Künstlerinnen und wird ihr Land unter anderem im japanischen Pavillon bei der Biennale in Venedig vertreten. Wir haben sie in ihrer überwältigenden Saarbrücker Ausstellung getroffen.

Ihre Installationen in der Saarbrücker Stadtgalerie sind raumfüllend, verblüffend und überwältigend. Die Künstlerin Chiharu Shiota wirkt dagegen bescheiden und zurückhaltend, fast schüchtern. Sie redet nicht viel, und wenn sie spricht, dann mit einer ruhigen, leisen, unaufgeregten Stimme. Man merkt, dass es Chiharu Shiota nicht leichtfällt, über sich und ihre Kunst zu sprechen. Und nichts in ihrem ruhigen Wesen weist darauf hin, dass sie eine international gefeierte Künstlerin ist.

Jetzt, da ihre Ausstellung in der Saarbrücker Stadtgalerie eröffnet ist, wird sie sich neuen Projekten zuwenden, zuerst einer Ausstellung in Paris, dann einer in Köln, und im Mai wird sie ihr Land im japanischen Pavillon auf der Biennale in Venedig vertreten - eine sehr große Ehre für jeden Künstler.

Doch wie kam es dazu? Chiharu Shiota ist Japanerin, sie stammt aus Osaka. "Schon mit zwölf Jahren wollte ich Künstlerin, Malerin werden", erzählt sie sanft. "Das war mein Ziel." Daher begann sie im Jahr 1992 ihr Kunststudium an der Seika Universität von Kyoto . "Ich habe Malerei studiert, aber dann, im Jahr 1994 , hatte ich eine Blockade. Ich konnte nicht mehr malen. Für mich war Malerei nur noch Farbe und Leinwand, es bedeutete nichts mehr." Sechs Monate sollte diese Krise andauern, bis sie merkte, dass sie von der zweiten Dimension in die dritte Dimension wechseln kann. "Ich habe die Installation für mich entdeckt, und ganz besonders den Faden."

Der gespannte Wollfaden wird ab sofort zu Shiotas dreidimensionalem Zeichenstift, zu ihrer Linie. Ihre Installationen werden in Wollfäden eingebunden. Und das weiße Kleid, wie auch in der Stadtgalerie zu sehen, steht stellvertretend für den Körper, "die zweite Haut des Menschen", wie sie sagt.

Mit 24 Jahren machte Chiharu Shiota in Kyoto ihr Diplom, aber sie war zu jung, um von der Kunst zu leben. "Daher wollte ich noch weiterstudieren." Ihre Wahl fiel auf Deutschland, um ein Studium bei der renommierten Künstlerin Marina Abramoviæ aufzunehmen. Anfangs studierte Chiharu Shiota in Hamburg, dann in Braunschweig, ab 1999 in Berlin, wo sie bis heute mit Ehemann und Tochter lebt.

Im Jahr 2000 war es dann so weit: Ihre Kunst wurde entdeckt - Shiota hatte in einem Jahr acht Ausstellungen in verschiedenen Galerien und Museen. "Ich glaube, es ist der Mix aus Europa und Asien, der gut ankommt", sagt sie bescheiden. Seither hatte sie über zehn Ausstellungen pro Jahr, zeigte ihre Installationen mit großem Erfolg schon in Tokio, Madrid, London, Paris, Australien, China - und im Jahr 2003 beim Württembergischen Kunstverein in Stuttgart, für den damals Andrea Jahn arbeitete.

"Ich kenne Chiharu Shiota seither. Und es war immer mein Traum, nochmal etwas mit ihr zu machen", erzählt die Leiterin der Stadtgalerie Saarbrücken . Und nun ist es Andrea Jahn gelungen, die renommierte, international tätige und trotzdem bescheidene japanische Künstlerin Chiharu Shiota nach Saarbrücken zu lotsen - kurz bevor sie ihr bisheriges Wirken mit der japanischen Pavillongestaltung in Venedig krönt.

"Chiharu Shiota. Seven Dresses". Ausstellung in der Stadtgalerie Saarbrücken , St. Johanner Markt 24, bis 5. April. Geöffnet Dienstag bis Freitag von 12 Uhr bis 18 Uhr, Samstag, Sonntag und Feiertag von 11 bis 18 Uhr.