Die Melodie des Saarländischen

Muse, Sängerin, Schauspielerin und eine Ikone der deutschen und französischen Chanson- und Filmszene: Ingrid Caven ist geboren in Saarbrücken, aber zuhause in der ganzen Welt.

Walter Gieseking war ihr Klavierlehrer, Yves Saint-Laurent schneiderte ihr ein Kleid direkt auf den Körper, und sie war die einzige Ehefrau des Filmregisseurs Rainer Werner Fassbinder - Ingrid Cavens Leben ist so voll und prall, dass es bereits für eine Biografie in Buchform gereicht hat. Und sogar dieses Buch des französischen Schriftstellers Jean-Jacques Schuhl wurde im Jahr 2000 mit dem prestigeträchtigen Prix Goncourt ausgezeichnet.

Ingrid Caven wurde im Jahr 1938 als Ingrid Schmidt in Saarbrücken geboren. Die berühmte Sängerin und Schauspielerin heißt bis heute amtlich noch Fassbinder mit Nachnamen, "das war einfacher, als wir nach der Scheidung noch gemeinsam auf Reisen waren", erzählt sie am Telefon. Bei dem Gespräch ist Ingrid Caven sehr sympathisch, junggeblieben. Sie lacht viel und Starallüren scheinen ihr völlig fremd. Ingrid Caven lebt mit dem französischen Schriftsteller Jean-Jacques Schuhl in Paris, reist viel und gibt noch regelmäßig Konzerte.

Ihr erster Auftritt liegt lange zurück, denn bereits im Alter von vier Jahren ist sie während des Zweiten Weltkriegs vor Soldaten aufgetreten. An ihre Kindheit in Saarbrücken erinnert sich Ingrid Caven gerne, denn sie wuchs in einer musikbegeisterten und talentierten Familie auf, man erkannte schon früh ihre ausgezeichnete Stimme. Sonntags wurde gemeinsam musiziert, der Vater tauschte Zigarren gegen Klavierstunden, Ingrid Caven sang im Kirchenchor, wie ihre jüngere, vor zwölf Jahren verstorbene, Schwester, Trudeliese Schmidt, die Opernsängerin wurde.

"Ich war auf der Mädchenschule in der Talstraße", erzählt Ingrid Caven, "und ich war gerade in der ersten Klasse, da habe ich schon vor der ganzen Schule gesungen", erinnert sie sich. Nach der Schule studierte sie Musikwissenschaft in Saarbrücken , "das war schön, denn die Europa-Universität damals war klein, aber sehr international", erzählt sie weiter. Später setzte sie ihr Studium in München fort, wollte eigentlich Musiklehrerin werden. Aber es kam anders, denn sie traf Rainer Werner Fassbinder . "Das war eine eigenartige Geschichte. Er wollte unbedingt heiraten. Es war eine große Liebe, er war mein bester Freund, und wir hatten eine intensive, lange Beziehung bis zu seinem Tod, auch wenn er homosexuell war", erklärt Ingrid Caven. Sie lernten sich in einem Varieté bei der Aufführung eines Stückes von Peer Raben kennen, in dem sie sang. Ingrid Caven stand danach in zahlreichen Filmen von Fassbinder vor der Kamera. 1970 heirateten sie, im gleichen Jahr erhielt sie den Bundesfilmpreis als beste Darstellerin.

Aber dann zog sich Ingrid Caven langsam zurück. "Ich habe mich wegen seiner Drogen von ihm entfernt", erklärt sie. Aber auch nach der Scheidung blieben sie verbunden, hatten noch eine gemeinsame Wohnung in Paris. Dort feierte Ingrid Caven ab den späten 1970er Jahren große Erfolge als Chanson-Sängerin. "Ich hatte in München im "Rationaltheater" einen Liederabend gemacht mit einer verrückten Mischung aus Kinderliedern, Kunstliedern, Operetten und Liedern, die Rainer Fassbinder, Peer Raben oder Wolf Wondratschek geschrieben hatten. Das war ein Riesenerfolg", sagt sie.

Mit diesem Repertoire hatte sie im Anschluss weltweit Erfolg. Ihre Bühnenpräsenz, ihre schwarze Robe von Yves Saint-Laurent, ihre Liedauswahl, aber ganz besonders ihre Stimme machten sie berühmt und sie wurde in der Presse mit Edith Piaf und Marlene Dietrich verglichen.

Auch heute steht sie noch auf der Bühne, arbeitet an außergewöhnlichen Projekten. "Zuletzt habe ich im Centre Pompidou die Texte aus der Tageszeitung "Le Monde " gesungen, wo nur einige musikalische Takte vorbereitet waren", erzählt sie. Außerdem stand sie gerade wieder vor der Kamera. "La Belle dormant" heißt der Film von Adolfo Arrieta, der gerade fertiggestellt wird und in dem sie eine Fee spielt.

Die Chanson-Diva: Bis heute steht Ingrid Caven als Sängerin auf der Bühne. Unlängst sang sie in Paris im Centre Pompidou Texte aus der Tageszeitung „Le Monde“. Foto: Dominique Issermann
Reiner Werner Fassbinder war zwar schwul, wollte Ingrid Caven aber trotzdem unbedingt heiraten. Foto: PM. Foto: PM

Ihre Arbeit empfindet sie als Geschenke, die vom Himmel fallen. "Wenn man von Wolf Wondratschek ein Gedicht geschickt bekommt, um es zu singen, dann ist das keine Arbeit". Und sie habe das große Glück gehabt, es immer mit Poesie zu tun zu haben. Und Saarbrücken ? "Ich bin nicht so oft in der Stadt. Aber ich habe eine enge Beziehung zu Saarbrücken . Denn dort wurde die Basis für meine moralischen und ästhetischen Normen festgelegt, das hat mich sehr geprägt. Außerdem mag ich die heitere und leichte Atmosphäre der Stadt und ganz besonders auch die Sprache , das Saarbrigga Platt. Denn da ist eine leichte Melodieführung drin, ganz anders als im Hochdeutschen, eher wie im Französischen", sagt sie und singt mit ihrer unverkennbaren Stimme "Mir sinn Saarbrigga".